„Das Ende von Eddy“ von Édouard Louis

»Mit wärmsten Empfehlungen« ist eine Rubrik in den Katalogen der Buchhandlung Löwenherz, in denen ich mehrmals Bücher rezensiert habe – nun auch hier verfügbar:

Der Autor dieses autobiografischen Coming-of-age-Romans hat viel durchgemacht, sehr viel mehr als man beim Anblick seines Portraits, dem Bild eines attraktiven, blonden, jungen Mannes mit unschuldigen Augen, glauben möchte. Ganz ohne Selbstmitleid erzählt Édouard Louis von einer Kindheit, geprägt von psychischem Missbrauch und Gewalt.

Zu seinem Vater, der als Kind selbst unter einem durch übermäßigen Alkoholkonsum gewalttätig gewordenen Vater leiden musste, kann Eddy Bellegueule, so hieß Édouard Louis vor seiner Abrechnung, keine emotionale Beziehung aufbauen, schon früh wird er zurückgewiesen und als zu feminin abgestempelt. Feminine Züge erkennt er allerdings auch selbst an sich: seine Gestik, sein Gang und nicht zuletzt seine für einen Jungen überdurchschnittlich hohe Stimme bringen ihn öfters in Verlegenheit. Richtig schafft er es nie, sich anzupassen und dazuzugehören, zuhause wird er eher runtergemacht und verspottet.

Gleich zu Beginn des Buches erlebt er eine prekäre Lage: der Protagonist – denn obwohl der Roman in Ich-Perspektive geschrieben ist, erscheint der Eddy der Vergangenheit immer in einer deutlichen Distanz – macht in seiner neuen Schule Bekanntschaft mit zwei tonangebenden Mitschülern. Fortan wird er täglich in der Pause von den beiden bespuckt, getreten und beschimpft, schon am Morgen vor dem Schulweg ist er deshalb nervös, und seine Mutter meint gar, Eddy sei hyperaktiv; sie sieht nur sich und meint diesen Stress nicht aushalten zu können. Nicht lange dauert es also, bis er zum Arzt geschickt wird und Beruhigungstropfen verordnet bekommt.
Generell weiß sich die Mutter oft nicht anders zu helfen als Ausflüchte zu suchen und über andere herzuziehen. Eddy wird eine Weltsicht beigebracht, in der die Schwarzen schuld an Arbeitslosigkeit im allgemeinen und an der Armut der eigenen Familie im besonderen sind und in der »die Bürgerlichen« beneidenswerte Schnösel darstellen, über die man trotzdem – oder gerade deshalb – gerne lästert. Er lernt beim Anblick von Arabern auf der Straße zusammenzuzucken und sich selbst über seine eigene, ihm eigentlich verhasste, einfache Sprache zu wundern.
Damit zeigt der Autor mit dem beschriebenen Umfeld Eddys eine Welt, die wahrscheinlich viele kennen, aber es dennoch nicht schaffen, sich davon zu lösen. Dass Intoleranz im ländlichen Raum allgegenwärtig und selbstverständlich ist, war mir schon bewusst; die Schilderung der Situation in der französischen Provinz fand ich dann aber dennoch schockierend. Wie viele homosexuelle, ungeoutete, womöglich verheiratete Männer (und Frauen) mag es da draußen noch geben – Menschen, die sich an das Leben, in das sie durch Erziehung und Umfeld hineingewachsen sind, anpassen mussten? Und dabei geht es nicht einmal nur um Homosexualität, allgemein ein bisschen anders zu sein als die anderen und nicht vollends in die Norm zu passen reicht schon aus, um Opfer von Diskriminierung zu werden.
Am Vergleich mit Xavier Dolan – meinem schwulen Lieblingsregisseur – als junger Rebell, der sich mittels künstlerischen Ausdrucks an seiner Vergangenheit rächt bzw. mit ihr abschließt, komme ich nicht vorbei. Genauso wie Édouard Louis kommt auch Dolan aus dem französischsprachigen Raum (wenngleich aus Quebec in Kanada) und hat schon die Thematik schwieriger Eltern-Sohn-Beziehungen aufgegriffen.

»Das Ende von Eddy« ist sprachlich einfach zu bewältigen, selbst wenn einige besondere Stilmittel eingesetzt werden. So verwendet der Autor statt direkter Rede beispielsweise durchgehend Kursivschreibung. Die Sätze wirken oftmals abgehackt und unvollendet. Beweggrund wird keiner genannt, aber ich gehe davon aus, dass Édouard Louis sich damit bewusst von einer chronologischen, genauen Erzählweise und der verwendeten Sprache der Protagonisten, insbesondere seiner Eltern, distanzieren will. Überhaupt wird die gesamte Handlung nicht wie gewohnt einer bestimmten zeitlichen Reihenfolge nach erzählt, sondern vielmehr aus verschiedenen Aspekten betrachtet. Die einzelnen Kapitel tragen Titel wie »Mein Vater«, »Das Gehabe« und »Auflehnen des Körpers«, was eher an eine wissenschaftliche Abhandlung als an einen Roman erinnert.

Nach dieser Empfehlung werde ich mich gleich an meinen nächsten Text setzen: ein E-Mail an Édouard Louis. Denn wenn ich daran denke, dass der Inhalt seines Buches ein autobiografischer ist, dann muss ich unwillkürlich an meine eigene Vergangenheit denken. Ganz klar ging es bei mir nicht so stark um »Andersartigkeit« wie bei ihm, so ganz dazu gehört habe ich in meiner Kindheit aber doch nirgends, immer war ich ein wenig Außenseiter. Und v.a. die schwierigen Familienverhältnisse kann ich genauso vorweisen, habe ich doch mehrere Umzüge, (auch böse) Stiefmütter, jahrelanges Schweigen mit dem Vater und komplizierte Familienverhältnisse miterlebt – nicht zuletzt ebenso den Start in ein neues Leben.

Den Namen zu ändern, ein Zeichen zu setzen – mit der Vergangenheit abzuschließen: Mit »Das Ende von Eddy« ist dem Autor das wohl endgültig gelungen, die Flucht nach vorne war erfolgreich. Eddy Bellegueule gibt es nicht mehr – heute heißt er Édouard Louis, studiert Sozialwissenschaften in Paris und lebt ein glücklicheres Leben als je zuvor.

Link zum Buch inkl. Bestellmöglichkeit bei Löwenherz

„Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde

»Mit wärmsten Empfehlungen« ist eine Rubrik in den Katalogen der Buchhandlung Löwenherz, in denen ich mehrmals Bücher rezensiert habe – nun auch hier verfügbar:

Der junge Dorian Gray verkörpert für den in der Londoner High Society verkehrenden Maler Basil Hallward die Muse, die ihm zu seiner vollen künstlerischen Entfaltung verhilft und als perfektes Vorzeigeobjekt für jugendliche Unberührtheit, Schönheit und Aufrichtigkeit dient. Basils sündenreicher Freund Lord Henry sieht in Dorian dagegen die wundervolle Chance, sich als Mentor zu verwirklichen und ihn seiner Vorstellung entsprechend zurechtzuformen. Während der geblendete Basil ihn mit Komplimenten überschüttet und seiner neu gewonnenen Leidenschaft in noch nie da gewesener Finesse seiner Bilder Ausdruck zu verleihen mag, bringt Lord Henry Dorian mit seinen paradoxen Philosophien und extremen Meinungen in Aufruhr und beginnt so, zunehmend den Geist des Jünglings für sich zu beanspruchen.

Als Basil auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Daseins ein lebensechtes Gemälde von Dorian anfertigt und dieser vor dem vollendeten Kunstwerk steht, ahnt niemand den Schrecken der Zukunft. Dorian erschaudert bei dem Anblick und spricht voller Entzücken einen folgenschweren Wunsch aus: Möge er doch immer so jung und schön bleiben wie auf diesem Porträt, solle stattdessen das Bild altern und die Lasten des Lebens tragen.
Sein Gebet wird auf mysteriöse Weise erhört und Dorian, vergiftet durch den schlechten Einfluss von Lord Henry, wird immer mehr zum Opfer seiner inneren Abgründe. Nach außen hin ganz makellos, weiß nur er allein Bescheid vom gräßlichen Spiegel seiner Seele, dem versteckten Bildnis auf dem Dachboden.

Verschleiert schwingt in Oscar Wildes einzigem Roman das Thema der Homosexualität mit. Viel dreht sich um männliche Schönheit und Jugend, um die zweifelhafte Moral der Gesellschaft, um verborgene Sünden und um Schuldgefühle. Die Sprache ist nicht gerade die einfachste, hat man sich aber erst einmal eingelesen, wird man von der Handlung vereinnahmt.
Mein Bezug ist vielleicht nicht allzu schwer zu erkennen: Von meiner Großmutter weiß ich, dass meine Mutter sich für eben diesen Namen entschied, nachdem sie »Das Bildnis des Dorian Gray« gelesen hatte. Weshalb bleibt allerdings offen, meinen Namen mag ich jedenfalls.
Mir sagen die zum Nachdenken anregenden Passagen, in denen sich Dorian mit Lord Henry über die philosophischen Hintergründe des Lebens, die Unbegründbarkeit von gesellschaftlichen Moralvorstellungen und die möglichen zügellosen Freuden des Lebens unterhält, sehr zu – ich finde die Ansichten der beiden interessant und die Form der Dialoge gibt dem Buch einen ganz besonderen intellektuellen Anstrich, der mir gefällt. Anderen mögen sie vielleicht etwas langatmig erscheinen, was aber bei der Länge dieser Unterhaltungen auch durchaus verständlich ist – als ich den Roman das erste Mal in der Hand hatte habe ich diese Stellen auch immer wieder mal übersprungen.
Ich mag auch die Atmosphäre des Romans, das Zeitalter, in dem die Handlung spielt und das geheimnisvolle Doppelleben des Protagonisten. Auf der einen Seite gibt Dorian den feinen Gentleman, der sich von der überdurchschnittlichen Zuneigung des weiblichen Geschlechts kaum befreien kann, andererseits lebt er seine dunklen Leidenschaften voll aus, ja, er wird sogar zum Mörder!

Link zum Buch inkl. Bestellmöglichkeit bei Löwenherz

Das fragile Leben

Das ganze Leben basiert auf einer zarten, brüchigen zwischenmenschlichen Verabredung.

Als Kinder bekommen wir Ideale und Vorgaben eingetrichtert, wie wir zu sein haben und wie die heile Welt auszusehen hat. Unsere Bezugspersonen und unser soziales Umfeld prägen unser Konzept vom Leben – so dass wir in Wahrheit nach den Vorstellungen der anderen zu leben beginnen. Wir übernehmen das Weltbild anderer, getrieben von der Angst, nicht zu genügen und nicht geliebt zu werden.

Doch wenn einmal alles zusammenbricht und sich einem die Erkenntnis offenbart, dass sich hinter dem vermeintlich allgemeingültigen Konzept doch ein individueller Mensch verbirgt, mit einem anderen Bild vom Leben, dann zeigt sich: Das Leben ist fragil.

Sucht durch Schmerz

Jede Abhängigkeit oder Sucht entspringt einer unbewussten Weigerung, sich mit dem eigenen Schmerz auseinanderzusetzen und ihn durchzustehen. Jede Sucht beginnt mit Schmerz – und endet auch mit Schmerz.

Denn bei jeder Sucht kommt ein Punkt, an dem die Droge nicht mehr wirksam ist; dann spürt man den Schmerz noch intensiver als zuvor. Die Sucht verursacht diesen Schmerz und Kummer aber nicht ursprünglich: Sie fördert lediglich jenen Schmerz und jenen Kummer zutage, die bereits in einem sind.


In Wahrheit geht es bei Abhängigkeit also um diesen ursächlichen Schmerz, der auszublenden bzw. zu betäuben versucht wird.

Deshalb bringt Symptombehandlung auf Dauer nichts. Allein das Suchtverhalten zu drosseln, wird als Maßnahme der Suchthilfe nie ausreichen. Man muss die Wurzel des Kummers erforschen.

Meistens handelt es sich dabei um Bindungstraumatisierungen in der Kindheit, wie Gewalt, sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung durch nahe Bezugspersonen. Das innere Kind zu umsorgen und (endlich) in eine sichere Umwelt zu bringen, das ist das Ziel.


Das Beitragsbild stammt von quotefancy.com

Jelena, die Große

Eine der ruhelosen Seelen aus meinem Umfeld, die 2018 von der sterblichen Welt in eine andere weitergewandert sind.

Jelena habe ich Anfang 2013 über einen Freund kennengelernt, damals allerdings noch als „Niko(la)“. Wir besuchten sie im AKH auf der psychiatrischen Station, nachdem sie Opfer eines homo- bzw. transphoben Übergriffs geworden war. Ich interviewte sie zu dem Vorfall für die Lambda Nachrichten und lernte dabei einen Menschen kennen, der einen so arg selbstbewussten Eindruck auf mich machte, dass ich zu Beginn erstmal nur verschüchtert rumdrucksen konnte. Die ganze Situation war etwas verstörend: Mein erstes Interview, mein erster (Gast)Besuch in der Psychiatrie mit 16 Jahren, mein erster Kontakt zu einer transsexuellen Person… und dann diese Wucht an Selbstüberzeugung. Zumindest nach außen hin, mir gegenüber. Eine grandiose Erinnerung!

In den folgenden Jahren feierten wir oft und wild in den verschiedensten Lokalitäten miteinander. Da kam es schon auch vor, dass es für uns erst am nächsten Tag um 17 Uhr nachhause ging – oder dass ich mir mit Jelena einen Kampf mit einer leeren Sektflasche einbrockte.

Vergangenes Jahr nahm sich Jelena (vermeintlich) das Leben, weil sie Streit mit ihrer Familie hatte und sich Komplikationen bezüglich ihrer Hormontherapie ergaben. Ich hatte um den Zeitpunkt ihres Todes herum keinen Kontakt mit ihr – deshalb kenne ich die genauen Umstände nicht -, aber umso mehr macht man sich im Nachhinein Gedanken.

Danke für die vielen netten Erinnerungen.
Danke für die unzähligen „Lebensweisheiten“, liebe Jelena.

Suizid ist keine Lösung. Reden hilft!
Wiener Psychiatrische Soforthilfe: (01) 31 330
Österreichische Telefonseelsorge: 142

2013 im AKH

Notizen eines fühlenden Wesens zum System

Früher hat sich mein Begehren auf kapitalistischen Konsum und die westliche Welt gerichtet. Ich nahm Geld für das Maß von Erfolg an und wollte Länder wie die USA bereisen.

Inzwischen bin ich zumeist nur noch erschöpft von der Hektik und der Unpersönlichkeit unserer hiesigen Zivilisation und möchte die noch viel ärgere Variante am nordamerikanischen Kontinent lieber ausblenden.

Meine Sehnsucht ist gen Osten gewandert: Tibet und Bhutan, das sind die Destinationen, an die es mein Herz zieht. Genug habe ich von den vermeintlich fortgeschrittenen Ländern, wo der Kapitalismus seine Sklaven treibt.

Von der „Hektomatik-Welt“ hat schon die Band STS 1985 gesungen. Aber wie viel schlimmer ist es nicht seit damals geworden…? Die Welt strotzt nur so vor Reizüberflutung und die Menschen in ihr sind gefangen. Im Kreislauf des täglichen Überlebens, ohne Zeit für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens, voll einer Illusion, die gehegt und gepflegt wird durch Konzerne und dem Drang nach Bestätigung.

Dass unser Lauf der Dinge nicht gut ausgehen kann, das sieht man aber nicht zuletzt auch an den Auswirkungen unseres Lebenswandels auf den Heimatplaneten, die wenigstens jüngst etwas mehr mediale Aufmerksamkeit erlangen. Dass damit unser Überleben gefährdet ist, das leuchtet allerdings noch immer nur ein paar wenigen ein.

Wir bräuchten eine massive Entschleunigung unserer Gesellschaft, Psychotherapie für alle sowie eine kollektive Entwöhnungskur – einen Entzug – vom Drang nach Markenkauf, Facebook und ähnlichem. Wir müssen aus der Bequemlichkeit hinauskommen, müssen uns vegetarischer ernähren und sollten Solidarität, Ethik und Mitgefühl in verpflichtenden Kursen wiedererlernen. Zurückschrauben und Zeit mit unseren Lieben verbringen, das Handy weglegen und die Natur genießen.

The Greatest Teacher Failure is

Luke: Master Yoda.
Yoda: Young Skywalker.
Luke: I’m ending all of this. The tree, the texts, the Jedi. I’m gonna burn it down.
Yoda: Ah, Skywalker. Missed you, have I.
Luke: So it is time for the Jedi Order to end.
Yoda: Time, it is… For you to look past a pile of old books, hmm?
Luke: The sacred Jedi texts.
Yoda: Oh. Read them, have you? Page-turners, they were not. Yes, yes, yes. Wisdom, they held, but that library contained nothing that the girl Rey does not already possess. Ah, Skywalker… still looking to the horizon. Never here. Now, hmm? The need in front of your nose.
Luke: I was weak. Unwise.
Yoda: Lost Ben Solo, you did. Lose Rey, we must not.
Luke: I can’t be what she needs me to be.
Yoda: Heeded my words not, did you? „Pass on what you have learned.“ Strength, mastery, hmm… But weakness, folly, failure also. Yes, failure most of all. The greatest teacher, failure is. Luke, we are what they grow beyond. That is the true burden of all masters.

Dialog zwischen Luke Skywalker und Yoda in „Star Wars: The Last Jedi“

Diese Konversation zwischen dem Jedi-Großmeister Yoda und seinem ehemaligen Schüler Luke Skywalker fasziniert mich.

Es ist zwar ein tolles Gefühl, zu gewinnen, aber lernen können wir in Wahrheit aus unseren Fehlern (und den Fehlern anderer) viel mehr. Tatsächlich sollten wir immer mental darauf vorbereitet sein, zu scheitern. Denn Fehler bieten sich uns als große Gelegenheit an: Um zu analysieren, was schief gelaufen ist und um aus ihnen zu profitieren. Ohne im Leben negative Erfahrungen zu sammeln lernen wir nicht dazu.



Im Rahmen einer kurzen Recherche zu dem Thema ist mir folgendes Beispiel aus der realen Geschichte untergekommen:

Während des 2. Weltkrieges existierte in den USA die “Statistical Research Group”. Diese Forschergruppe hatte zum Ziel, die Kriegsbemühungen der USA zu unterstützen, indem mathematische und statistische Probleme gelöst werden. Ein Mitglied dieser Gruppe, der Statistiker Adam Wald, widmete sich dem Problem, dass zu viele Kampfflugzeuge bei Einsätzen abgeschossen wurden.

Die gängige Strategie, um Kampfflugzeuge widerstandsfähiger zu machen, war, zu untersuchen, wo die zurückkehrenden Kampfflugzeuge Einschusslöcher hatten; an diesen Stellen wurden die Kampfflugzeuge dann zusätzlich verstärkt. Diese Strategie erwies sich aber als wenig wirksam.
Im Laufe seiner Analyse hatte Adam Wald eine wichtige Einsicht: Bei der gängigen Strategie wurden die Kampfflugzeuge, welche nicht überlebt hatten, komplett ignoriert. Wenn man die zerstörten Kampfflugzeuge mitbedachte, zeigte sich in logischer Hinsicht ein ganz anderes Bild: Das Problem wären eher jene Stellen, an denen die zurückkehrenden Flugzeuge keine Einschusslöcher hatten.

Beispielgrafik für Einschusslöcher bei rückkehrenden US-Kampfflugzeugen im 2. Weltkrieg (Bildquelle)

Die rückkehrenden Flugzeuge kehrten ja immerhin trotz der vorhandenen Einschusslöcher zurück. Die zerstörten Flugzeuge hätten, logisch gesehen, dementsprechend sehr wahrscheinlich auch überlebt, wenn sie an den gleichen Stellen wieder Beschuss erlitten hätten. Es war also viel wahrscheinlicher, dass die zerstörten Flugzeuge an den anderen, restlichen Stellen Beschuss erlitten hatten als die zurückkehrenden.
Darum schlug Adam Wald einen ausschlaggebenden Strategiewechsel vor: Die Flugzeuge sollten dort verstärkt werden, wo die zurückkehrenden Flugzeuge keine Einschusslöcher hatten. Mit seiner Schlussfolgerung hatte Wald durchschlagenden Erfolg.

Dieses Vorkommnis gilt als prominentestes Beispiel für den „Survivorship Bias“ („Überlebensirrtum“). Da erfolgreiche „Überlebende“ im Alltag eine größere Sichtbarkeit erzeugen als erfolglose „Verstorbene“, neigt man systematisch dazu, die Erfolgsaussichten zu überschätzen.

Achten wir im Alltag also lieber auf die weniger gut gestellten, weniger glänzenden Glieder in der Kette, orientieren wir uns an den Minderheiten der Gesellschaft und den sozial Schwachen, dann haben wir insgesamt mehr Aussicht auf dauerhaften Erfolg.


Das Copyright zum Beitragsbild liegt bei Lucasfilm / Disney.

Die Psyche von Anakin Skywalker

In diesem Beitrag geht es um den Star Wars-Charakter Anakin Skywalker, auch bekannt als Darth Vader. Zum Verständnis des Inhalts ist Kenntnis über die Filmhandlung Voraussetzung. Die Betrachtungen spiegeln meine persönliche Auffassung wider, basierend auf meinem Verständnis der menschlichen Natur.

Um die Aussage dieses Artikels kurz auf den Punkt zu bringen: Ich denke, Anakin Skywalker war niemals wirklich ein böser Charakter. Selbst als später furchteinflößende Figur Darth Vader würde ich ihn nicht als „böse“ – vor allem nicht im Sinne von „schlecht“ – bezeichnen. Da denke ich eher an die Figur des Imperators Palpatine, bei ihm passt die Beschreibung wie die Faust aufs Auge. Darth Vader hat sicherlich in vielerlei Hinsicht grausam gehandelt und Schreckliches getan – allerdings nicht aus böser Absicht heraus. Ich führe aus:

Anakin Skywalker begegnet uns das erste Mal in Episode I. Wir sehen ihn als unschuldigen Jungen mit großem Potential. Sein ganzes Leben verbrachte er bisher als Sklave auf dem Wüstenplaneten Tatooine. Er ist so aufgewachsen und hat sich daran gewöhnt, aber dieses Leben entspricht auch nicht seiner Wunschvorstellung. Er hat eine gute Beziehung zu seiner Mutter Shmi. In seinem Wesen ist er fürsorglich, kämpferisch und couragiert – allesamt große Eigenschaften.
Wenn wir den jungen „Ani“ betrachten, würden wir von ihm keine Grausamkeiten erwarten. Abgesehen von dieser kurzen Skizzierung lernen wir nicht viel mehr über seine Psyche in Episode I.

In Episode II nimmt er dafür umso mehr Gestalt an, wir bekommen ein schärferes Bild von ihm vermittelt – es sind auch immerhin 10 Jahre vergangen seit der Handlung des vorherigen Films. Als Teenager unterläuft Anakin einem großen inneren Wachstum, vor allem in seiner Emotionalität tut sich Einiges. Vom ersten Moment an, als er Padme traf, waren seine Gedanken permanent bei ihr – im Verlauf dieser Episode bekommt er nun die Gelegenheit auch physisch bei ihr zu sein und Zeit mit ihr alleine zu verbringen. Große Gefühle entstehen dabei, eine starke Verbindung entwickelt sich zwischen den beiden – die noch viel bewirken und ausschlaggebend sein wird auf die folgenden Jahre.
Wir können auch beobachten, wie die Sehnsucht nach seiner Mutter Anakin mitnimmt, seine Gefühle reißen ihn hin und her. Aufgrund Visionen von Shmis Leiden kehrt er deshalb nach Jahren zu ihr zurück nach Tatooine, nur um sie pünktlich zu ihrem Versterben zu erreichen.

Am Boden zerstört, das ist er jetzt – als würde die ganze Welt in seine Armen zusammenbrechen, und er kann nichts dagegen tun. Schnell wandelt sich seine Verzweiflung in große Wut um, gerichtet gegen jene, die seiner Mutter soviel Leid und Schmerzen bereitet haben – und nicht zuletzt ihm auch, durch diesen seinen Verlust. Also tut er, was so viele andere an seiner Stelle auch tun würden, er gerät in Rage und übt Rache: Er tötet jeden einzelnen Tusken-Räuber im Camp.
Zählt das als böser, grausamer Akt? Oder ist es eine nachvollziehbare Handlung des Instinkts? Der Akt des Tötens aufgrund des Tötens an sich ist klar als grundböse zu deklarieren. Aber hier steht etwas anderes im Vordergrund meine ich – er tötet, weil er keinen anderen Ausweg sieht, mit der Situation umzugehen. Macht ihn das als Person böse? Ich denke nein. Wir können in diesen Momenten des Films gut erkennen, wie sehr er von seinen Emotionen getrieben wird im Leben, wie stark diese seine Entscheidungen beeinflussen – und vor allem: Wie viel Einfluss seine Gefühle und persönlichen Beziehungen zu anderen auf seine Handlungen haben, jegliche Rationalität geht ihm verloren, wenn er seine Liebsten leiden sieht.

In Episode III vollzieht sich die echte Transformation von Anakin Skywalker zu Darth Vader. Diese Wandlung passiert aber nicht von heute auf morgen. Sie begann schon früh, als der junge Ani von Zuhause auszog und Abschied von seiner Mutter nahm, um Jedi zu werden. Zu Darth Vader zu werden ist sicherlich nicht angenehm und vor allem hat er dies wohl nicht als bewusste Entscheidung im Hinterkopf, als er Palpatine vor Mace Windu rettet. Nein, Anakins Erlebnisse und sein psychischer Werdegang seit seiner Kindheit schon, sind es, die ihn langsam kontinuierlich weiter zur dunklen Seite der Macht zogen. Von der Gesellschaft gemeinhin als „böse Menschen“ betrachtete Individuen entwickeln sich zu dem, was sie sind, oftmals erst über nur einen ewig langen Prozess, eine Zeitleiste voller einschneidender Erlebnisse, die den Charakter formen und abkapseln, und zu dem machen, was wir später fürchten und verachten.
Den gesamten dritten Teil über sehen wir nicht nur Anakins große Sorge um Padme, sondern wir sehen auch Palpatine, der anfangs ganz sanft, dann aber immer intensiver manipulierend einwirkt auf den ohnehin schon Zerrissenen. Palpatine hat einen klaren Plan und für den braucht er die volle Kontrolle über Anakin. Dieser hat seine Mutter verloren und sieht dafür die Schuld bei sich, weil er nicht in der Lage war sie zu retten… er, der doch größter Jedi aller Zeiten werden möchte. Auf keinen Fall würde er nun auch noch Padme verlieren, das würde er nicht zulassen. Wie verführerisch muss also Palpatines ausgestreckte Hand sein, die in ihm die Hoffnung nährt, ihren Tod verhindern zu können? Wenn du etwas so sehr möchtest, dass dir jedes Mittel recht ist, es zu erreichen: Ich denke, sehr viele können den getriebenen Anakin da verstehen.
Als er zu Darth Vader wird, ist sein Hauptgedanke sicherlich, dass er damit Padme retten kann. Das ist inzwischen sein einziges Ziel und so beginnt er Palpatines Befehle ohne zu Zögern auszuführen… alles aus Liebe heraus. Das Abschlachten der Jedi im Tempel, das Töten der Jünglinge, die zuvor noch zu ihm um Rat aufschauen – keine Frage, fürchterliche, grausame Taten. Aber er tut dies nicht aus böser Absicht heraus, seine Intention ist keine grundböse. Er ist blind vor Liebe, blind vor Verzweiflung, gehorchend der einzigen Person, von der er denkt, sie könne ihm dabei helfen, jene zu retten, die er über alles in der Welt liebt. Wie viele von uns würden alles tun um unsere Liebsten zu schützen? Ich möchte damit nicht sagen, dass ich selbst anderen Menschen das Leben nehmen würde. Aber ich erkenne in Anakin das ursächlich Gute und sehe in seinen Taten menschlich nachvollziehbares Verhalten.

Zurückkehrend zur Geschichte springen wir zum Kampf zwischen Vader und Obi-Wan. Vader hasst Obi-Wan am Ende der dritten Episode, denn er glaubt in ihm einen neuen Feind gewonnen zu haben, der ihm seine geliebte Padme wegnehmen möchte. Als er Obi-Wan die Worte „Ich hasse dich“ entgegenwirft, kommen diese aus einem Hort extremsten, emotionalen Schmerzes und größter Verwirrung.
Kurz danach sehen wir in Palpatine wieder die Ausgeburt des echten Bösen. Nachdem er Vader zu sich holt und in seinen Anzug steckt, präsentiert er ihm eine knallharte Offenbarung: Padme ist tot – und Vader selbst soll die Schuld daran tragen. Ein verzweifelter Gefühlsausbruch ist die Folge… Vader schreit, lässt den Raum durch die Macht erbeben und wir sehen: Palpatine lächelt genüsslich. Denn er hat sein Ziel erreicht. Er hat seinen Griff um eines der stärksten Player im Universum gesichert, somit hat er selbst nun die Macht all seine Pläne zu verwirklichen. Er genießt den Verlust Vaders, er lacht beim Gedanken daran, dass so viele ihr Leben gelassen haben für seinen Sieg. Das ist durch und durch böse und schlecht, Palpatines Intentionen waren nie gut.
Und eine weitere Transformation geschieht in Vader… er hat alles verloren, das ihm lieb ist: Seine Frau, seine Freunde und sein Leben als Jedi. Alles, was er kennt und was ihm etwas bedeutet ist weg. Und er denkt: Alles, was ihm bleibt, ist Palpatine – der Mann, der von Anfang an immer da war für ihn. Das war der letzte Schritt zur vollkommenen Wandlung von Anakin Skywalker zu Darth Vader – jegliche Bindung zum alten Leben ist gebrochen. Nicht jemand, der in seiner Persönlichkeit Böses in sich trägt, aber der loyal ist zur einzigen Bezugsperson, die er noch hat.

Episode IV: Darth Vader präsentiert sich als ultimativer Schurke – er jagt Rebellen, droht seinen Untergebenen bei Ungehorsam oder Zweifel an seiner Macht und setzt die Anweisungen seines Imperators mit großer Härte durch. Darth Vader ist inzwischen zu jemanden geworden, der gar nicht mehr zurückdenkt an sein altes Leben als Anakin Skywalker. Er ist seit so langer Zeit schon die Puppe des Imperators, die rechte Hand Palpatines, seine Identität umfasst nichts anderes mehr. Ein winziger Funken alter Erinnerungen flackert wohl auf, als er gegen Ben Kenobi kämpft, aber es ist nicht einmal mehr genug, um ihn nur ein bisschen emotional aufzuwühlen.
Als er allerdings gegen Ende des Filmes eine andere Präsenz zu bemerken beginnt – er spürt Luke Skywalker – da regt sich nach langer, langer Zeit wieder etwas in ihm.

In großen Schritten verändert sich etwas in ihm in Episode V: Darth Vaders oberstes Ziel ist es nun, Luke aufzuspüren. Seit er herausgefunden hat, dass Luke am Leben ist, beginnt er sich ein wenig an seine Zeit als Anakin zurückzuerinnern. Er nimmt Gefühle in sich wahr, die er schon lange nicht mehr gespürt hat. Er hat einen Sohn… einen Sohn, von dem er dachte, dass dieser mit Padme mitverstorben wäre. Er verfügt wieder über eine emotionale Verbindung zu jemanden. Allein aufgrund der Tatsache, dass es sich dabei um seinen Sohn handelt.
Und als die zwei endlich aufeinander treffen, da denkt Vader nicht daran Luke zu töten. Auch, wenn sein Meister das von ihm verlangt: Vader hat schon so viele Jedi getötet, aber bei diesem Jungen hier kann er nicht anders als zu zögern. Statt ihn hinzustrecken, was er einfach vollbracht hätte, da Luke noch zu unerfahren war, bietet er ihm eine Chance an, streckt ihm die Hand aus, wie einst Palpatine es ihm selbst gegenüber getan hatte – diesmal aber handelt es sich um ein Angebot aus Zuneigung heraus, nicht um einen kaltblütigen Plan. Er möchte seinem Sohn die Gelegenheit geben, sich ihm anzuschließen in der einzigen Sache, die er anzubieten hat: Die dunkle Seite der Macht. Ein Sith-Lord zu sein ist alles, was Vader mittlerweile kennt, also bietet er dies auch seinem Kind an.
An diesem Punkt ist Luke meiner Meinung nach ziemlich am Boden zerstört über die Neuigkeit, die sich ihm da offenbart, wer sein Vater ist. Aber als er länger darüber nachdenkt, erkennt er, dass auch Vader selbst zu sehen beginnt, dass dieser vielleicht nicht die böse Figur ist, die er zu sein scheint – oder auch vorgibt zu sein. Nach und nach kommen sehr kleine Puzzleteile des alten Anakins zum Vorschein. Denn wie der Prozess der Entwicklung zu Darth Vader viel Zeit und große Emotionen brauchte, so beginnt auch die Wandlung zurück zu Anakin Skywalker nur sehr langsam und in kleinen Schritten.

Am Ende der alten Saga, in Episode VI, können wir die endgültige Wandlung von Darth Vader zurück zu Anakin Skywalker, jenem guten Charakter, den wir vom Anfang her kennen, mitverfolgen. Vader wird von Palpatine angewiesen, Luke einzufangen und zu ihm zu bringen, aber Vader hat wohl seine ganz eigenen Motive dies zu tun. Er beginnt Gefühle der väterlichen Liebe für Luke zu empfinden. Trotzdem versucht er weiterhin zu verleugnen, dass sein früherer Namen Anakin Skywalker eine Bedeutung für ihn hätte. Denn: Veränderung ist schwierig. Wie sollte er von seinem Dasein als gefürchteter Sith-Lord der dunklen Seite der Macht übergehen zu einer väterlichen Rolle? Ein unmöglicher Seitenwechsel. Höchstwahrscheinlich versucht Vader jegliche Gefühle zu verstecken, vor der Außenwelt genauso wie vor sich selbst, denn auch ihm waren sie eine lange Zeit fremd gewesen.

Der Schlusskampf zwischen Vader und Luke stellt den großen Wendepunkt dar. Wir sehen einmal mehr wie der Imperator versucht zu manipulieren und Luke von der dunklen Seite der Macht zu überzeugen… nicht aus Zuneigung Luke gegenüber, sondern weil er weiß, dass Vader alt wird und er bald jemand Neuen brauchen würde an seiner Seite als seinen Vollstrecker.
Als nun Vater und Sohn gegeneinander kämpfen, wird Erster sich eines weiteren Kindes bewusst: Vader hat eine Tochter. Eine Offenbarung, die ihn durchdringt wie ein Blitz: Er hat nicht nur ein, sondern sogar zwei Kinder! Zwei Verbindungen zu seiner verlorenen Liebe Padme. Die Gefühle überrollen ihn und es wird immer schwieriger für ihn gegen sie anzukämpfen.
Palpatine und seine Manipulationen waren es, die Vader enorme Macht brachten – und ihn aber letztendlich auch vernichten. Wir sehen wie der Imperator Luke foltert , nachdem dieser sich der dunklen Seite verwehrt. Wir hören die Hilfeschreie von Luke: „Vater, bitte!“ Und trotz seiner starren Maske erkennen wir in diesen Momenten den großen inneren Konflikt in Darth Vader… Soll er weiter der loyale Diener dieses Mannes bleiben, der immer da war für ihn? Oder soll er demjenigen helfen, der Teil seiner selbst ist, ein Teil von Padme, die er so sehr liebte?
Vader unterging so vieler innerer Veränderungen seit seinem ersten Herausfinden über Luke. An diesem finalen Punkt ist es nun aber soweit: Darth Vader existiert nicht mehr. Anakin Skywalker hebt den Imperator hoch und wirft ihn in den Tod. Die Wandlung zurück zum eigentlichen Selbst ist abgeschlossen.

Es war ein langer, holpriger Weg, auf dem viel Schlimmes passiert ist. Aber trotz dieser Fehler war Darth Vader nie ein wirklich böser Charakter. Er war nie getrieben von bösen Hintergedanken oder geizigen Machtgelüsten. Seine Motivation waren immer nur Liebe und Loyalität. Und dieses Gute in ihm ist es schlussendlich auch, das ihn wieder zurück zur hellen Seite bringt, um doch noch ein allerletztes Mal Glück empfinden zu können.

Grafik von http://www.quotereel.com

Das großartige Beitragsbild – der Header – stammt von Luca Merli.