Professionelles Hilfsangebot bei psychischen Krisen

Services wie den Psychosozialen Dienst (PSD) Wien kann ich jedem empfehlen, dem es gerade psychisch nicht so gut geht und der Beratung, Hilfestellung und Unterstützung für schwer zu bewältigende Zeiten benötigt.

Auch die Wiener Krankenhäuser inklusive ihren psychiatrischen Ambulanzen und Stationen sind verlässliche und vertrauenswürdige Partner im Prozess der Gesundung. Sollte es einmal gar nicht mehr gehen, dann ist der Griff zum Telefon und die Wahl des Rettungsnotrufes 144 angesagt – ein stationärer Aufenthalt um die akuten Bedürfnisse zu befriedigen rettet Leben und ist nichts, wofür man sich schämen muss.

Ich freue mich, dass ich diesmal keinen dieser Schritte setzen muss(te), möchte aber das Angebot der Stadt Wien wirklich jedem ans Herz legen, der nicht mehr weiter weiß. Handelt es sich um keine dringliche Problematik, dann ist es vielleicht auch ausreichend, sich einen Termin bei einem Psychiater und/oder einem Psychotherapeuten auszumachen: Eine passende medikamentöse Einstellung sowie eine Gesprächstherapie können viel Gutes bewirken.

Das Anvertrauen an den engen Freundeskreis kann ähnlich befreiend wirken und dabei helfen, Lösungen zu finden oder professionelle Hilfe zu organisieren. Ich stelle mich hier übrigens ebenso einmal mehr zur Verfügung und biete mein offenes Ohr an!

Ansonsten:
PSD / Psychiatrische Soforthilfe —> 01 31330
Telefonseelsorge —> 142
Rat auf Draht —> 147
Rettung —> 144

Ich habe alle der angegebenen Nummern in der Vergangenheit bereits genutzt und kann nur Positives berichten. („Rat auf Draht“ ist ein Krisennotruf speziell für Kinder und Jugendliche; die Nummer des PSD gilt nur für Wien.)

„Der letzte Krupp – Arndt von Bohlen und Halbach“ von Hanns-Bruno Kammertöns

»Mit wärmsten Empfehlungen« ist eine Rubrik in den Katalogen der Buchhandlung Löwenherz, in denen ich mehrmals Bücher rezensiert habe – nun auch hier verfügbar:

»Hart wie Kruppstahl« – dieser Teil der schrecklichen Hitler-Fantasie ist so ziemlich das Einzige, was ich bis vor kurzem mit dem Namen »Krupp« verbunden habe. Als ich jedoch die Biografie über das schwule schwarze Schaf einer so streng konservativ gefärbten Familie entdeckte, tat sich Interesse auf.

»Der letzte Krupp – Arndt von Bohlen und Halbach« von Hanns-Bruno Kammertöns ist in zwei Teile aufgegliedert und bietet einen breiten Überblick über eine deutsche Großindustriellenfamilie, einer über 150 Jahre währenden Dynastie, die das, was in Amerika erst später mit dem uns so geläufigen Ausdruck »American Dream« bezeichnet wurde, bereits im Europa der industriellen Revolution verwirklichte. Das Besondere dieser Biografie ist jedenfalls der Zugang des Autors, er ist an in die Tiefe gehenden Schilderungen der Persönlichkeiten interessiert; es handelt sich hier eindeutig nicht um eine knappe, streng chronologisch aufgebaute Abhandlung der Familiengeschichte.
Im ersten Teil wird die Entwicklung von den Betreibern einer kleinen Gussstahlhütte bis hin zu fast selbstverständlichen Beziehungen der Krupps mit Regierungen und Hochadel geschildert. Dabei beschäftigt sich der Autor immer eingehend mit den einzelnen Personen und deren Privatleben, niemals ist die Darstellung langatmig herunter gerattert. Auf den eigentlichen Protagonisten Arndt wird erst im zweiten Teil eingegangen, sein Leben wird ausführlicher als jene seiner Vorgänger erzählt: Der Vater versuchte den Sohn zu Selbstständigkeit und Stärke zu erziehen, immer wenn Arndt sich in einem Internat als vermeintlich schwacher Außenseiter erwies, steckte ihn sein Vater Alfried in ein anderes. Dadurch verbrachte Arndt eine ziemlich triste Kindheit – was ihn von seinen Vorfahren aber nicht wirklich unterschied: Die erstgeborenen Familienmitglieder (nicht nur die Söhne, auch Arndts Großmutter Bertha ist hier einzureihen) waren stets von Geburt streng im Blick auf das künftige Erbe erzogen worden. Dass Arndt die Last der Firmenführung erspart bleiben sollte, wusste während seiner vorbereitenden Erziehung noch niemand.
Seine Homosexualität kommt erst gegen Ende des Buches zusammen mit seinem maßlosen Lebensstil und seinem Hang zur Verschwendung dezidiert zur Sprache – schon Arndts Großvater Friedrich war schwul, doch erst dem letzten Krupp sollte es gelingen, seine Sexualität nahezu offen auszuleben. Einen großen Teil der biografischen Darstellung nimmt auch die Beziehung zu seiner Ehefrau Hetty ein, der er nicht aus Leidenschaft, aber aufgrund großer Sympathie ein Leben ohne finanzielle Sorgen schenken wollte.
Arndt verzichtete schließlich auf Betreiben seines Vaters (dessen Gründe nicht ganz eindeutig gewesen zu sein scheinen) darauf, als Erbe die Firma weiter zu führen und zu übernehmen, im Gegenzug bekam er für diesen Erbverzicht eine stattliche Rente, weshalb er oft als jüngster Frührentner Deutschlands bezeichnet wurde.

Im Gegensatz zu anderen meiner Empfehlungen ist die Sprache hier sehr verständlich gehalten, es kommen nur selten Fremdwörter vor und mit insgesamt 247 Seiten ist die gleichwohl ausführliche Darstellung nicht übermäßig lang; die wichtigen Passagen werden außerdem immer wieder mal in Erinnerung gerufen. Zur besseren Veranschaulichung sind einige Bilder beigegeben, was ich beim Lesen eine sehr eindrucksvolle Ergänzung fand.
Ich bin sicherlich jemand, der gerne zurückblickt und sowohl aus der eigenen Vergangenheit, als auch aus derer von anderen, lernt. Aber nicht nur deshalb gefällt mir diese Biografie so gut. Ich kann mich auch mit dem Inhalt identifizieren, denn zumindest die konservative Erziehung habe ich auch teilweise erfahren; meine Eltern waren genauso wie jene im Buch immer darauf bedacht, einen willensstarken und durchsetzungsfähigen Mann heranzuziehen – oft leider zu sehr auf ihr Ziel fokussiert als auf den Menschen mit Persönlichkeit, eigenem Denken und eigenen Vorstellungen.

Link zum Buch inkl. Bestellmöglichkeit bei Löwenherz

Reden hilft.

Und mir hilft ganz besonders das Schreiben.

2017 war ich ja bereits auf Reha und dachte, dort weitgehend mit der Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Meine Panikattacken habe ich in Folge tatsächlich abgelegt. Ich hatte dafür zwar dafür die komplexe Diagnose „Borderline“ umgehängt bekommen, war aber auch mit mehreren Strategien auf einen guten Weg geschickt worden.

Leider ist das alles aber doch nicht ganz so einfach, das Leben ist fragil und der menschliche Körper und seine Psyche sind besonders komplex: Depressionen und antrainierte Abwehrmechanismen der Psyche können immer wieder auftauchen, so tief verwurzelt sind sie wohl.

Dass es die Möglichkeit des psychischen Krankenstandes gibt, ist sehr wichtig – nicht zuletzt aufgrund meines eigenes persönlichen Bezuges habe ich mich deswegen vor Kurzem sehr geärgert über die Pläne der Umgestaltung der Krankenstands-Regelungen. Ich spreche hier freiwillig öffentlich über meine psychische Thematik; anderen aufzuzwingen, dass sie ihre Krankheitsgeschichte dem Arbeitgeber gegenüber offenlegen müssen, das wäre allerdings fatal: Denn wie viele Chefs gibt es da draußen, die vorurteilend mit so etwas umgehen würden bzw. wo der Arbeitnehmer gemobbt werden würde? Zu unrecht, denn Menschen wie ich, das möchte ich mal so selbstsicher sagen, sind nicht weniger wert: Wir haben auch unsere besonderen Stärken.

Schon seit Langem ist mir Mental Health ein großes Anliegen, dem ich mich auch gerne politisch mehr widmen würde, wenn ich wieder fit bin. Mit meinen Offenlegungen und Berichten möchte ich das Tabu brechen und Betroffenen im Umfeld zeigen, dass sie nicht alleine sind. Psychische Probleme sind viel geläufiger als man vielleicht denkt – und trotzdem bringt das Thema noch sehr viel Stigmatisierung mit sich. Sehr gefreut habe ich mich deshalb über die vielen netten Kommentare und Nachrichten als Reaktion auf mein gestriges Posting.

Danke euch!

This is what depression looks like.

Kaum ist die Smalltalk-Frage „Wie geht‘s?“ im Alltag ausgesprochen, wandert der Fragenstellende schon weiter zum nächsten Gedanken. Eine ehrliche Antwort erwartet sich wohl kaum jemand, die oberflächliche Floskel ist nicht mehr als eine Höflichkeitsformel. Wie würde man auch mit einer ehrlichen Antwort umgehen? Ich selbst war ebenso schon perplex, wenn jemand mal etwas ausführlicher geantwortet und dem oberflächlichen Getue nicht auf den Leim gegangen ist. Im Nachhinein kamen Schuldgefühle und Scham in mir hoch – ich betrachte mich als sozialen Menschen und reflektiere mein Verhalten intensiv, bin aber von den Tücken, die ich in der heutigen Gesellschaft erkenne, auch nicht gefeit.
Trotzdem werde ich nicht aufgeben und weiterhin versuchen, es besser zu machen.

Denn auch ich selbst ärgere mich, wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, und ich mir dabei aber bewusst bin, dass sich der andere nicht die Zeit nehmen würde, mir zuzuhören. Das macht traurig.

Ich habe diverse eigene Problemchen schon öfters offen angesprochen auf diesem Medium: Seit meiner Jugend leide ich an Depressionen, so wie schon meine Mutter vor mir. Meine Entwicklung war geprägt von unschönen Erfahrungen. Ich dachte, ich hätte das alles 2017 in den Griff bekommen, über die letzten Monaten musste ich mir allerdings eingestehen, dass dem wohl nicht so ist. Wieder stärker werdend ist die Hypersensibilität sowie das Bedürfnis, den Kopf in den Sand zu stecken ob der übergroß erscheinenden Herausforderungen des Lebens und der so kleinen, eigenen Bedeutung.

Mir ist allerdings klar, dass es auch wieder aufwärts gehen wird. Das geht es immer! Nach einem Tief kommt ein Hoch – und umgekehrt. Mal geht das schneller, mal braucht halt es etwas länger.

Beim Samariterbund habe ich als Konklusion meiner aktuellen gesundheitlichen Verschlechterung nun um eine Auflösung des Dienstverhältnisses angesucht. Was mir nicht einfach gefallen ist, da ich diese Tätigkeit sehr, sehr gerne ausübe.

Depressionen sind tückisch und komplex. Schenken wir unseren Mitmenschen mehr Zeit und Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Liebe. Mitleid brauche ich keines, nur eine ernsthafte Auseinandersetzung und ein Fallenlassen von Vorurteilen und Tabus wäre angenehm.

„Nichts: Was im Leben wichtig ist“ von Janne Teller

Der kontroverse Roman von Janne Teller, der in Dänemark große Diskussionen auslöste und sogar an etlichen Schulen verboten wurde, ist ein Meisterstück.

Das Hauptthema, „Was im Leben wichtig ist“, also die Suche nach der Bedeutung im Leben, wird aus interessanter Perspektive betrachtet, Erzählerin ist eine 13-Jährige, die zusammen mit ihren MitschülerInnen den Sinn in so ziemlich alles verloren zu haben glaubt. An einem zunächst recht harmlos erscheinenden Spiel wollen sie einem ehemaligen Klassenkameraden, der den Auslöser ihrer Krise darstellt, Beweise für die sehr wohl existierende Bedeutung im Leben liefern – nicht zuletzt auch um sich selbst aufzumuntern. Niemand ahnt, was sich dabei später in enormer Geschwindigkeit zu entwickeln beginnt – und wozu Jugendliche im guten Glauben fähig sein können. Denn realistisch wirken die beschrieben Szenen doch allemal, gerade in der heutigen Zeit.

Ein lesenswertes Interview mit der Autorin.
Das Buch ist erhältlich bei Löwenherz.

Der unschätzbare Wert einer glücklichen Kindheit

Viele psychische Erkrankungen sind auf die Kindheit zurückzuführen, vor allem Bindungstraumatisierungen hinterlassen tiefe Narben. Besonders in den ersten fünf Lebensjahren ist ein Mensch seinem Umfeld komplett ausgeliefert. Enge Bezugspersonen wie z.B. die Eltern haben dabei den größten Einfluss auf das spätere Leben eines Kindes: Die Fürsorge, der Erziehungsstil und eigentlich das Gesamtbild der Eltern prägt das Kind und dessen Persönlichkeitsentwicklung stark.

Während sich ein psychisch gesundes Umfeld, soziale Kontakte und ein gutes Ersatzmilieu nach eventuellem Mutterverlust positiv auf das spätere Leben auswirken, gelten eine gewaltvolle, disharmonische Umgebung, Abwesenheit von engen Bezugspersonen und Reizentzug als gesicherte Risikofaktoren für eine gestörte Entwicklung.

Bei Körperkontakt schütten Säuglinge Endorphine aus – werden sie nach der Geburt allerdings von ihren Müttern getrennt, so regt das die Ausschüttung von Stresshormonen an: Gift für die Entwicklung des noch unreifen Gehirns! Besteht ein solcher Mangel an Körperkontakt über längere Zeit, so hat das nämlich tatsächlich biologische Dysfunktionen zur Folge. Die rechte Hirnhälfte ist vermutlich besonders betroffen, was später Beeinträchtigungen in der Affektregulation, in der Stressbewältigung und im Bindungsverhalten haben kann.

Kinder, die frühkindlich zwar körperlich umsorgt, denen aber dauerhaft jegliche Liebe und soziale Kontakte vorenthalten werden, entwickeln relativ rasch eine Deprivationsstörung („Hospitalismus“) und büßen oft soziale, aber auch intellektuelle Fähigkeiten ein – teils irreversibel. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist Kaspar Hauser:

Dabei handelt es sich um einen Jungen, der Anfang des 19. Jahrhunderts in Nürnberg verstört, völlig verwahrlost und offenbar geistig zurückgeblieben aufgefunden wurde: Er war zu dem Zeitpunkt etwa 16 Jahre alt und konnte weder lesen noch schreiben, auch das Sprechen bereitete ihm Mühe. Von diesem Jungen wurde erzählt, dass er sein ganzes Leben lang im Dunkeln bei Wasser und Brot im Keller eingesperrt gelebt hatte.

Über das Erwähnte hinaus haben natürlich aktiver psychischer und/oder sexueller Missbrauch sowie körperliche Gewalt extremste Schäden für die Psyche zur Folge, besonders wenn es sich bei den TäterInnen um Nahestehende handelt. Einmalige Erfahrungen können dabei noch besser weggesteckt werden als das anhaltende Erleben traumatisierender Ereignisse. Betroffene von Kindheitstraumata entwickeln vermehrt gesundheitliche Risiko-Verhaltensweisen (z.B. überdurchschnittlicher Alkohol- bzw. Drogenkonsum) und leiden später häufiger an komplexen Persönlichkeitsstörungen wie Borderline.

Was ich vermitteln möchte:
Liebe und Aufmerksamkeit bzw. insgesamt ein harmonisches Umfeld sind für eine gesunde psychische Entwicklung unersetzbar. Leider ist unser schnelllebiges und auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtetes System da nicht unbedingt förderlich. Aber wir müssen uns dieser enormen Verantwortung über das spätere Leben unserer Kinder unbedingt bewusst sein, denn Menschenleben sind zu wertvoll, um sorglos mit ihnen umzugehen.

„Das Ende von Eddy“ von Édouard Louis

»Mit wärmsten Empfehlungen« ist eine Rubrik in den Katalogen der Buchhandlung Löwenherz, in denen ich mehrmals Bücher rezensiert habe – nun auch hier verfügbar:

Der Autor dieses autobiografischen Coming-of-age-Romans hat viel durchgemacht, sehr viel mehr als man beim Anblick seines Portraits, dem Bild eines attraktiven, blonden, jungen Mannes mit unschuldigen Augen, glauben möchte. Ganz ohne Selbstmitleid erzählt Édouard Louis von einer Kindheit, geprägt von psychischem Missbrauch und Gewalt.

Zu seinem Vater, der als Kind selbst unter einem durch übermäßigen Alkoholkonsum gewalttätig gewordenen Vater leiden musste, kann Eddy Bellegueule, so hieß Édouard Louis vor seiner Abrechnung, keine emotionale Beziehung aufbauen, schon früh wird er zurückgewiesen und als zu feminin abgestempelt. Feminine Züge erkennt er allerdings auch selbst an sich: seine Gestik, sein Gang und nicht zuletzt seine für einen Jungen überdurchschnittlich hohe Stimme bringen ihn öfters in Verlegenheit. Richtig schafft er es nie, sich anzupassen und dazuzugehören, zuhause wird er eher runtergemacht und verspottet.

Gleich zu Beginn des Buches erlebt er eine prekäre Lage: der Protagonist – denn obwohl der Roman in Ich-Perspektive geschrieben ist, erscheint der Eddy der Vergangenheit immer in einer deutlichen Distanz – macht in seiner neuen Schule Bekanntschaft mit zwei tonangebenden Mitschülern. Fortan wird er täglich in der Pause von den beiden bespuckt, getreten und beschimpft, schon am Morgen vor dem Schulweg ist er deshalb nervös, und seine Mutter meint gar, Eddy sei hyperaktiv; sie sieht nur sich und meint diesen Stress nicht aushalten zu können. Nicht lange dauert es also, bis er zum Arzt geschickt wird und Beruhigungstropfen verordnet bekommt.
Generell weiß sich die Mutter oft nicht anders zu helfen als Ausflüchte zu suchen und über andere herzuziehen. Eddy wird eine Weltsicht beigebracht, in der die Schwarzen schuld an Arbeitslosigkeit im allgemeinen und an der Armut der eigenen Familie im besonderen sind und in der »die Bürgerlichen« beneidenswerte Schnösel darstellen, über die man trotzdem – oder gerade deshalb – gerne lästert. Er lernt beim Anblick von Arabern auf der Straße zusammenzuzucken und sich selbst über seine eigene, ihm eigentlich verhasste, einfache Sprache zu wundern.
Damit zeigt der Autor mit dem beschriebenen Umfeld Eddys eine Welt, die wahrscheinlich viele kennen, aber es dennoch nicht schaffen, sich davon zu lösen. Dass Intoleranz im ländlichen Raum allgegenwärtig und selbstverständlich ist, war mir schon bewusst; die Schilderung der Situation in der französischen Provinz fand ich dann aber dennoch schockierend. Wie viele homosexuelle, ungeoutete, womöglich verheiratete Männer (und Frauen) mag es da draußen noch geben – Menschen, die sich an das Leben, in das sie durch Erziehung und Umfeld hineingewachsen sind, anpassen mussten? Und dabei geht es nicht einmal nur um Homosexualität, allgemein ein bisschen anders zu sein als die anderen und nicht vollends in die Norm zu passen reicht schon aus, um Opfer von Diskriminierung zu werden.
Am Vergleich mit Xavier Dolan – meinem schwulen Lieblingsregisseur – als junger Rebell, der sich mittels künstlerischen Ausdrucks an seiner Vergangenheit rächt bzw. mit ihr abschließt, komme ich nicht vorbei. Genauso wie Édouard Louis kommt auch Dolan aus dem französischsprachigen Raum (wenngleich aus Quebec in Kanada) und hat schon die Thematik schwieriger Eltern-Sohn-Beziehungen aufgegriffen.

»Das Ende von Eddy« ist sprachlich einfach zu bewältigen, selbst wenn einige besondere Stilmittel eingesetzt werden. So verwendet der Autor statt direkter Rede beispielsweise durchgehend Kursivschreibung. Die Sätze wirken oftmals abgehackt und unvollendet. Beweggrund wird keiner genannt, aber ich gehe davon aus, dass Édouard Louis sich damit bewusst von einer chronologischen, genauen Erzählweise und der verwendeten Sprache der Protagonisten, insbesondere seiner Eltern, distanzieren will. Überhaupt wird die gesamte Handlung nicht wie gewohnt einer bestimmten zeitlichen Reihenfolge nach erzählt, sondern vielmehr aus verschiedenen Aspekten betrachtet. Die einzelnen Kapitel tragen Titel wie »Mein Vater«, »Das Gehabe« und »Auflehnen des Körpers«, was eher an eine wissenschaftliche Abhandlung als an einen Roman erinnert.

Nach dieser Empfehlung werde ich mich gleich an meinen nächsten Text setzen: ein E-Mail an Édouard Louis. Denn wenn ich daran denke, dass der Inhalt seines Buches ein autobiografischer ist, dann muss ich unwillkürlich an meine eigene Vergangenheit denken. Ganz klar ging es bei mir nicht so stark um »Andersartigkeit« wie bei ihm, so ganz dazu gehört habe ich in meiner Kindheit aber doch nirgends, immer war ich ein wenig Außenseiter. Und v.a. die schwierigen Familienverhältnisse kann ich genauso vorweisen, habe ich doch mehrere Umzüge, (auch böse) Stiefmütter, jahrelanges Schweigen mit dem Vater und komplizierte Familienverhältnisse miterlebt – nicht zuletzt ebenso den Start in ein neues Leben.

Den Namen zu ändern, ein Zeichen zu setzen – mit der Vergangenheit abzuschließen: Mit »Das Ende von Eddy« ist dem Autor das wohl endgültig gelungen, die Flucht nach vorne war erfolgreich. Eddy Bellegueule gibt es nicht mehr – heute heißt er Édouard Louis, studiert Sozialwissenschaften in Paris und lebt ein glücklicheres Leben als je zuvor.

Link zum Buch inkl. Bestellmöglichkeit bei Löwenherz

„Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde

»Mit wärmsten Empfehlungen« ist eine Rubrik in den Katalogen der Buchhandlung Löwenherz, in denen ich mehrmals Bücher rezensiert habe – nun auch hier verfügbar:

Der junge Dorian Gray verkörpert für den in der Londoner High Society verkehrenden Maler Basil Hallward die Muse, die ihm zu seiner vollen künstlerischen Entfaltung verhilft und als perfektes Vorzeigeobjekt für jugendliche Unberührtheit, Schönheit und Aufrichtigkeit dient. Basils sündenreicher Freund Lord Henry sieht in Dorian dagegen die wundervolle Chance, sich als Mentor zu verwirklichen und ihn seiner Vorstellung entsprechend zurechtzuformen. Während der geblendete Basil ihn mit Komplimenten überschüttet und seiner neu gewonnenen Leidenschaft in noch nie da gewesener Finesse seiner Bilder Ausdruck zu verleihen mag, bringt Lord Henry Dorian mit seinen paradoxen Philosophien und extremen Meinungen in Aufruhr und beginnt so, zunehmend den Geist des Jünglings für sich zu beanspruchen.

Als Basil auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Daseins ein lebensechtes Gemälde von Dorian anfertigt und dieser vor dem vollendeten Kunstwerk steht, ahnt niemand den Schrecken der Zukunft. Dorian erschaudert bei dem Anblick und spricht voller Entzücken einen folgenschweren Wunsch aus: Möge er doch immer so jung und schön bleiben wie auf diesem Porträt, solle stattdessen das Bild altern und die Lasten des Lebens tragen.
Sein Gebet wird auf mysteriöse Weise erhört und Dorian, vergiftet durch den schlechten Einfluss von Lord Henry, wird immer mehr zum Opfer seiner inneren Abgründe. Nach außen hin ganz makellos, weiß nur er allein Bescheid vom gräßlichen Spiegel seiner Seele, dem versteckten Bildnis auf dem Dachboden.

Verschleiert schwingt in Oscar Wildes einzigem Roman das Thema der Homosexualität mit. Viel dreht sich um männliche Schönheit und Jugend, um die zweifelhafte Moral der Gesellschaft, um verborgene Sünden und um Schuldgefühle. Die Sprache ist nicht gerade die einfachste, hat man sich aber erst einmal eingelesen, wird man von der Handlung vereinnahmt.
Mein Bezug ist vielleicht nicht allzu schwer zu erkennen: Von meiner Großmutter weiß ich, dass meine Mutter sich für eben diesen Namen entschied, nachdem sie »Das Bildnis des Dorian Gray« gelesen hatte. Weshalb bleibt allerdings offen, meinen Namen mag ich jedenfalls.
Mir sagen die zum Nachdenken anregenden Passagen, in denen sich Dorian mit Lord Henry über die philosophischen Hintergründe des Lebens, die Unbegründbarkeit von gesellschaftlichen Moralvorstellungen und die möglichen zügellosen Freuden des Lebens unterhält, sehr zu – ich finde die Ansichten der beiden interessant und die Form der Dialoge gibt dem Buch einen ganz besonderen intellektuellen Anstrich, der mir gefällt. Anderen mögen sie vielleicht etwas langatmig erscheinen, was aber bei der Länge dieser Unterhaltungen auch durchaus verständlich ist – als ich den Roman das erste Mal in der Hand hatte habe ich diese Stellen auch immer wieder mal übersprungen.
Ich mag auch die Atmosphäre des Romans, das Zeitalter, in dem die Handlung spielt und das geheimnisvolle Doppelleben des Protagonisten. Auf der einen Seite gibt Dorian den feinen Gentleman, der sich von der überdurchschnittlichen Zuneigung des weiblichen Geschlechts kaum befreien kann, andererseits lebt er seine dunklen Leidenschaften voll aus, ja, er wird sogar zum Mörder!

Link zum Buch inkl. Bestellmöglichkeit bei Löwenherz

Das fragile Leben

Das ganze Leben basiert auf einer zarten, brüchigen zwischenmenschlichen Verabredung.

Als Kinder bekommen wir Ideale und Vorgaben eingetrichtert, wie wir zu sein haben und wie die heile Welt auszusehen hat. Unsere Bezugspersonen und unser soziales Umfeld prägen unser Konzept vom Leben – so dass wir in Wahrheit nach den Vorstellungen der anderen zu leben beginnen. Wir übernehmen das Weltbild anderer, getrieben von der Angst, nicht zu genügen und nicht geliebt zu werden.

Doch wenn einmal alles zusammenbricht und sich einem die Erkenntnis offenbart, dass sich hinter dem vermeintlich allgemeingültigen Konzept doch ein individueller Mensch verbirgt, mit einem anderen Bild vom Leben, dann zeigt sich: Das Leben ist fragil.

Sucht durch Schmerz

Jede Abhängigkeit oder Sucht entspringt einer unbewussten Weigerung, sich mit dem eigenen Schmerz auseinanderzusetzen und ihn durchzustehen. Jede Sucht beginnt mit Schmerz – und endet auch mit Schmerz.

Denn bei jeder Sucht kommt ein Punkt, an dem die Droge nicht mehr wirksam ist; dann spürt man den Schmerz noch intensiver als zuvor. Die Sucht verursacht diesen Schmerz und Kummer aber nicht ursprünglich: Sie fördert lediglich jenen Schmerz und jenen Kummer zutage, die bereits in einem sind.


In Wahrheit geht es bei Abhängigkeit also um diesen ursächlichen Schmerz, der auszublenden bzw. zu betäuben versucht wird.

Deshalb bringt Symptombehandlung auf Dauer nichts. Allein das Suchtverhalten zu drosseln, wird als Maßnahme der Suchthilfe nie ausreichen. Man muss die Wurzel des Kummers erforschen.

Meistens handelt es sich dabei um Bindungstraumatisierungen in der Kindheit, wie Gewalt, sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung durch nahe Bezugspersonen. Das innere Kind zu umsorgen und (endlich) in eine sichere Umwelt zu bringen, das ist das Ziel.


Das Beitragsbild stammt von quotefancy.com