Meine Biografie. Meine Motivation.

Seit Jahren engagiere ich mich leidenschaftlich politisch. Um meine dahinterstehende Motivation verständlich zu machen, möchte ich in diesem Beitrag bewusst sehr offen auf meine Herkunft bzw. Biografie eingehen.

Am 20. Mai 1996 bin ich als Sohn eines sehr streng erzogenen Softwareentwicklers und einer alkoholkranken Poetin in Stockerau, Niederösterreich, zur Welt gekommen. Meine Mutter nahm zum Zeitpunkt meiner Geburt bereits seit mindestens sieben Jahren Antidepressiva ein, konnte ihrer Flucht in den Alkohol aber leider nicht Meisterin werden – auch während der Schwangerschaft nicht. Auch wenn es sich bei mir um ein Wunschkind handelte, fiel sie nach meiner Geburt noch dazu in eine schwere postpartale Depression.

Im Jahr 2000 verstarb meine Mutter im Alkoholkoma. Nach einiger Zeit bei meinen Großeltern mütterlicherseits zog ich für über ein Jahr zu den Eltern meines Vaters. Diese Zeit bedeutete für mich viel Schönes, wie z.B. einen großen Garten und ein Aufwachsen am Land, aber auch eine strenge Erziehung.

Kurz vor meinem Volksschuleintritt zog ich in eine kleine sozialpädagogische Wohngemeinschaft für traumatisierte Kinder und Jugendliche in Enzesfeld-Lindabrunn, die „WG Kinderlachen“ von Andreas Hirtl. Meinen Vater und meine Großeltern bekam ich nur abwechselnd an den Wochenenden zu Gesicht. Während dieser Zeit versuchte sich mein Vater mit einer neuen Partnerin eine Zukunft in Eichgraben aufzubauen. Jene Frau hatte allerdings großen Hass gegen meine leibliche Mutter, den sie gegen mich richtete. Psychoterror, aber auch vereinzelte, bis heute sehr gut in Erinnerung bleibende körperliche Übergriffe, prägten meine Besuche dort.

Im Alter von sieben Jahren kam ich zurück zu meinem Vater nach Wien, der inzwischen eine neue Lebensgefährtin gefunden hatte. Nachdem er sie 2004 heiratete, wurde sie offiziell zu meiner Stiefmutter.

Rückwirkend betrachtet bin ich meiner Stiefmutter zutiefst dankbar für ihre damalige Bereitschaft, mich in ihr Leben aufzunehmen. In vielen Situationen, das ist mir heute bewusst, ist sie wie eine Löwin für mich eingestanden und hat für mich gesorgt. Andererseits war es auch für sie etwas komplett Neues, plötzlich ein Kind zu haben, das quasi schon „angeknackst“ und im Alter von sieben Jahren „geliefert“ wird.
Denn „angeknackst“ war ich bereits recht stark, das ist mir heute auch klar. Bereits in der Volksschulzeit zeigte ich z.B. starkes ADHS auf, immer suchte ich überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit sowie Bestätigung, ein Schwarz-Weiß-Denken und eine fehlende Impulskontrolle waren auch schon vorhanden.

Mit der Zeit wurde die Beziehung zu meinem Vater und meiner Stiefmutter schwieriger, 2005 kam dann mein Halbbruder zur Welt. Meine Eltern wurden mir gegenüber strenger, gelegentlich kam es zu Ausrutschern physischer Natur, ich kam in die Pubertät. Die Situation und unsere Patchwork-Family – aus der vorangegangenen Beziehung meines Vaters kam eine Halbschwester dazu – war sicherlich für alle Beteiligten nicht einfach. Als Kind bzw. Jugendlicher fühlte ich mich in meiner Haut und auch zuhause allerdings immer unwohler.
Als ich mich dann mit ca. 14 Jahren outete und meine Homosexualität offenbarte, die vor allem bei meinem Vater gar nicht gut ankam, wurden die Streits immer häufiger und ich rutschte in eine erste diagnostizierte Depression.

Im Alter von 16 Jahren entschied ich mich zur Flucht und packte meinen Koffer. In einer Herbstnacht wartete ich bis meine Eltern eingeschlafen waren und lief davon. Die erste Nacht verbrachte ich bei Regen im Rathauspark auf einer Parkbank, am nächsten Morgen machte ich mich mit seelischem Beistand einer Schulfreundin zum Krisenzentrum für Jugendliche in Wien-Simmering auf und verbrachte dort einen Monat in Obsorge des Jugendamtes. In Folge zog ich nach Verhandlungen mit meinem Vater zu meinen Großeltern mütterlicherseits und brach den Kontakt zur restlichen Familie ab.

Ein neues Leben begann für mich: Ich besuchte meine ersten Parties, ging aus, trank Alkohol – meine schulischen Erfolge rasselten dagegen in den Keller. Ich konnte mit den neugewonnenen Freiheiten nicht umgehen und versuchte nachzuholen, was ich aus meiner Sicht bis dahin verpasst hatte.
Nach dem Gymnasialbesuch der HIB 3 (Boerhaavegasse, 1030 Wien) hatte ich in der Oberstufe auf die BAKIP 8 (Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik, 1080 Wien) gewechselt – diese brach ich nun nach drei von fünf Jahren ab und startete stattdessen die Lehre zum Buchhändler & Einzelhandelskaufmann. Nach einem Jahr bei meinen Großeltern – ich war inzwischen 17 Jahre alt -, zog ich als Untermieter in eine Wohnung eines Bekannten und war fortan nahezu auf mich alleine gestellt. Ich tauchte in das schwule Nachtleben ein, engagierte mich stark bei der Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien und organisierte unter anderem den Wiener Regenbogenball und die Regenbogenparade mit. Mein Fortgehen nahm immer mehr Zeit in Anspruch und als sich schlussendlich zum Alkohol noch andere Substanzen wie Kokain gesellten, brach ich auch noch meine Ausbildung nach zwei Jahren ab.

Besonders zwischen 2014 und 2017 (18-21 Jahre) hatte ich mit großer Einsamkeit, fehlender Impulskontrolle und starken Depressionen zu kämpfen, die einen Teufelskreis befeuerten: Ich ging viel aus und versuchte die Einsamkeit sowie wohl die fehlende Liebe in meiner Kindheit, den tief sitzenden Schmerz (wie schon meine Mutter vor mir) mit diversen Substanzen zu verdrängen. Ich hatte kaum Freunde, dafür sehr viele oberflächliche Kontakte, hatte finanzielle Probleme und war sehr launisch. Vermutlich aus dem vielen Alkohol- und Drogenkonsum hervorgehend entwickelte ich noch dazu eine Panikstörung (Panikattacken), die mir zu schaffen machte.

Im Oktober 2016 fiel ich nach langem Feiern in eine starke Psychose und wurde via Rettung auf die psychiatrische Abteilung des Otto-Wagner-Spitals („Baumgartner Höhe“) eingeliefert. Mir wurde auf die Schnelle eine bipolare affektive Störung diagnostiziert und ich bekam nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt Medikamente mit auf den Weg. Zusätzlich besuchte ich fortan regelmäßig den Psychosozialen Dienst (PSD), wo mir eine Psychiaterin zu helfen versuchte.

Nachdem ich allerdings bis März 2017 noch zwei weitere Male (vermutlich lebensrettend) mit der Rettung auf die Baumgartner Höhe fuhr, entschied ich mich dazu, eine sechswöchige psychiatrische Reha zu besuchen. Im Klinikum Hollenburg wurde mir während dieser eine neue Diagnose umgehängt, in der ich mich tatsächlich auch selbst wiederfinde: Ich habe eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung, auch bekannt als Borderline.

Durch die Rehabilitation in Hollenburg sowie auch Literatur wie z.B. das Buch Borderline bewältigen von Heinz-Peter Röhr lernte ich mich und meine, mir über die Jahre durch traumatische Erfahrungen angeeigneten Abwehrmechanismen besser kennen.
Borderline ist eine sehr komplexe psychische Erkrankung, die leider nicht so einfach mit Medikamenten behandelt bzw. geheilt werden kann. Mit einer Kombination aus medikamentöser sowie Psychotherapie und Psychoedukation lässt es sich allerdings weitgehend gut mit ihr leben. Mit der Zeit habe ich einige Strategien entwickelt und kann heute teilweise präventiv handeln, um gewisse negative Aspekte der Erkrankung zu vermeiden.

Immer funktioniert das allerdings nicht. Erst kürzlich musste ich das wieder feststellen. Aber so ist das Leben – und nach einem Tief kommt auch immer wieder ein Hoch.


Was hat meine Biografie nun mit meiner politischen Motivation zu tun?

Unsere Erfahrungen prägen uns. Besonders die (frühkindlichen) Kindheitserlebnisse haben großen Einfluss auf das spätere Leben eines Menschen. Charakter und Persönlichkeit werden durch das Zusammenspiel von Genetik, eigenen Erfahrungen sowie Umwelteinflüssen wie Eltern, Erziehung u.ä. geformt.

Ich hatte eine sehr turbulente Kindheit, die ich als überwiegend eher unangenehm bezeichnen würde. Mit den Folgen der fehlenden Liebe und der Abwesenheit echter Bezugspersonen, zu denen ich Vertrauen aufbauen konnte, habe ich noch heute zu kämpfen – und werde ich wohl auch noch länger haben.

Gleichzeitig bin ich durch meine Erfahrungen aber zu jemanden herangewachsen, der einen sehr stark ausgeprägten Gemeinschafts- und Gerechtigkeitssinn sein Eigen nennen darf. Ich bin ein sehr sensibler Mensch und versuche mein Bestmögliches, die Entscheidungen und das Verhalten anderer nachzuvollziehen, bevor ich Urteile fälle. Empathie hat bei mir höchsten Stellenwert.

Zukünftigen und heranwachsenden Generationen möchte ich ähnliche Erfahrungen wie die meinen gerne ersparen. Und als Mitglied vermeintlicher Randgruppen wie LGBTIQ-Personen oder Menschen mit psychischen Erkrankungen kann ich Diskriminierungen oder Ungerechtigkeiten nicht mitansehen, Zivilcourage und Hilfsbereitschaft versuche ich zu leben.

Wenn ich mich für eine Sache engagiere, dann tue ich das mit voller Überzeugung – halbe Sachen gibt’s bei mir nicht: Ganz oder gar nicht! Meine ehrliche Motivation versuche ich immer sehr offen zu kommunizieren, Authentizität ist mir wichtig. Mir würde deshalb auch nie einfallen, mich selbst oder die Stationen meines Lebens zu verleugnen, selbst wenn es sich um (leider) strafrechtlich relevante Themen wie Drogenkonsum handelt.


Mehr Informationen über die Borderline-Persönlichkeitsstörung werde ich versuchen, in einem eigenen Beitrag zu vermitteln. Auch Erläuterungen zu politischen Standpunkten oder Themenbereichen – wie z.B. mein Eintreten für eine liberalere Drogenpolitik – werden noch folgen.

Das Beitragsbild wurde von Daniel Kleinfercher fotografiert.

„Verdammt starke Liebe“ von Lutz van Dijk

»Mit wärmsten Empfehlungen« ist eine Rubrik in den Katalogen der Buchhandlung Löwenherz, in denen ich mehrmals Bücher rezensiert habe – nun auch hier verfügbar. Folgende Rezension ist 2015 erstmals erschienen, vorgestern jährte sich die eingangs erwähnte Befreiung schon zum 75. Mal.

Nicht zuletzt der 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung am 27. Januar hat mein grundsätzlich ohnehin vorhandenes großes Interesse an der NS-Zeit stark angesprochen und mich dazu bewegt, mir sowohl einige Filme über diese Zeit anzusehen als auch mich tiefer in die Materie einzulesen. Ein Buch, das mir dabei besonders ins Auge gesprungen ist, ist »Verdammt starke Liebe« von Lutz van Dijk, mittlerweile ein Klassiker, in dem es um eine wahre Geschichte geht. Nach Filmen wie »Jakob der Lügner« und »Der Pianist« erschien mir der Titel besonders passend.

Stefan K., der Protagonist, ist ein zu Anfang des Buches 16-jähriger Pole, der zusammen mit seinen Eltern, seinem etwas älteren Bruder Mikolaj, zu dem er ein sehr enges Verhältnis pflegt, und seinen weiteren drei Geschwistern, über die man im Buch kaum etwas erfährt, in eher ärmlichen Verhältnissen in Torun lebt. Die Handlung beginnt im Jahr 1939, Deutschland hat gerade Polen überfallen und Stefan, der eigentlich voller Freude das Musikgymnasium besuchen will, muss sich eine Lehrstelle suchen, die er auch ziemlich schnell in einer Bäckerei findet. Der Vater muss als Soldat an der Front herhalten, die Mutter derweil die Rolle der starken Hausfrau erfüllen. Mikolaj ist rebellischer als Stefan und möchte die wachsende Unterdrückung durch die nazi-deutsche Besetzung nicht so einfach hinnehmen; er freundet sich später mit Widerständlern an. Er streitet diesbezüglich auch des Öfteren mit Stefan, weil dieser als begeisterter Sänger in einem Theater auftritt, welches, so meint Mikolaj, ja nur von Deutschen besucht werden würde. Als Stefan dann eines Tages einen österreichischen Wehrmachtssoldaten kennenlernt und sich plötzlich ganz neue Gefühle in ihm regen, die er nur von Erzählungen hinter vorgehaltener Hand kennt, sieht er sich in einer Zwickmühle. Einerseits beginnt er relativ schnell zu begreifen, was er da empfindet, nämlich, dass er wohl homosexuell ist und damit eigentlich auch gar kein Problem hat; andererseits fürchtet er aber den Spott und die Übergriffe der anderen – noch dazu wenn er seinem Bruder die Liebe zu einem Nazi offenbaren müsste. Trotzdem fangen Stefan und Willi G., der etwa Mitte zwanzig zu sein scheint und die Gefühle für Stefan erwidert, heimlich eine Beziehung an und treffen sich beinahe täglich abends in einem scheinbar sicheren Versteck, einer alten Scheune. Nachdem Willi anfängt, Stefan Geschenke zu machen – bei denen es sich hauptsächlich um Gebrauchsgegenstände wie neue Stiefel oder einen Gasbrenner handelt – und dessen Bruder es sehr stört, dass Stefan »von seinen deutschen Freunden« überhaupt etwas geschenkt bekommt, wird die Beziehung zwischen den beiden Geschwistern zunehmend angespannt. Nach mehreren Monaten des gemeinsamen Glücks wird Willi plötzlich an die Front versetzt und Stefan fühlt sich wieder alleine. In seiner Einsamkeit schreibt er Willi über den Armee-Postverteiler einen Brief, in dem er ihm seine Treue beteuert – eine genaue Adresse hat er nicht. Diese Zeilen sind es, die ihm später zum Verhängnis werden: Eines Tages wird Stefan zum Verhör ins Gestapo-Hauptquartier in Warschau vorgeladen; schnell wird ihm sein Fehler bewusst, im Angesicht der strengen Kontrollen gerade des Militärs einen solch heikel formulierten Brief zu versenden. Der 17-jährige Stefan erlebt Gewalt und Folter, Hunger und Durst und wird schließlich nach kurzem Gerichtsprozess nach § 175 wegen homosexueller Handlungen mit Männern verurteilt und in ein Gefängnis verfrachtet. Bis zum Kriegsende und seiner riskanten Flucht kommt er in verschiedene Konzentrationslager des besetzten Polens. Von seiner ersten großen Liebe hört Stefan nie wieder etwas, die Ungewissheit, was mit Willi geschah, verfolgt ihn sein ganzes Leben.

Im realen Leben hieß »Stefan K.« Stefan T. Kosinski und lebte bis zu seinem Lebensende im stalinistischen und streng katholischen Polen, seine Homosexualität versteckte er. Über Lutz van Dijk erhielt er erstmals ein Sprachrohr, er hoffte, jungen Menschen Mut machen zu können und vom Staat endlich Entschädigung für seine erlittenen seelischen wie körperlichen Verletzungen zu bekommen. Bis zu seinem Tod 2003 litt Stefan an Folgen seiner Haft, er starb mit 78 Jahren nach einigen Monaten schwerer Krankheit in Warschau. »Willi G.« alias Wilhelm Götz kam vermutlich schon 1945 an der Front um.
»Verdammt starke Liebe« ist von meinen bisherigen Empfehlungen sprachlich sicherlich das am einfachsten zu bewältigende Werk, mit 167 Seiten liest es sich recht flott und die Handlung reißt einen mit. Gleichzeitig ist der Inhalt aber auch sehr berührend, nachdem ich fertig war, war meine Betroffenheit groß und ich recherchierte erst einmal mehr über Stefan und sein Leben, bevor ich mich an diesen Katalogtext setzte.
Wie eingangs schon erwähnt habe ich großes Interesse am Thema des Nationalsozialismus, insbesondere am Holocaust und der Verfolgung Homosexueller. Würde ich Geschichte studieren, wäre das gemeinsam mit der Antike und dem Mittelalter mein Spezialgebiet. Dieses Jahr werde ich auch versuchen, zusammen mit der Jugendgruppe der HOSI Wien auf Exkursion nach Mauthausen zu fahren. Im März erscheint neben der Neuauflage von »Verdammt starke Liebe« der über viele Jahre geführte Briefwechsel zwischen Autor Lutz van Dijk und Stefan T. Kosinski im Querverlag unter dem Titel »Endlich den Mut …« – ich durfte schon in die Druckfahnen schauen und kann diese Neuerscheinung ebenso wie »Verdammt starke Liebe« empfehlen.

Link zum Buch inkl. Bestellmöglichkeit bei Löwenherz

„Der letzte Krupp – Arndt von Bohlen und Halbach“ von Hanns-Bruno Kammertöns

»Mit wärmsten Empfehlungen« ist eine Rubrik in den Katalogen der Buchhandlung Löwenherz, in denen ich mehrmals Bücher rezensiert habe – nun auch hier verfügbar:

»Hart wie Kruppstahl« – dieser Teil der schrecklichen Hitler-Fantasie ist so ziemlich das Einzige, was ich bis vor kurzem mit dem Namen »Krupp« verbunden habe. Als ich jedoch die Biografie über das schwule schwarze Schaf einer so streng konservativ gefärbten Familie entdeckte, tat sich Interesse auf.

»Der letzte Krupp – Arndt von Bohlen und Halbach« von Hanns-Bruno Kammertöns ist in zwei Teile aufgegliedert und bietet einen breiten Überblick über eine deutsche Großindustriellenfamilie, einer über 150 Jahre währenden Dynastie, die das, was in Amerika erst später mit dem uns so geläufigen Ausdruck »American Dream« bezeichnet wurde, bereits im Europa der industriellen Revolution verwirklichte. Das Besondere dieser Biografie ist jedenfalls der Zugang des Autors, er ist an in die Tiefe gehenden Schilderungen der Persönlichkeiten interessiert; es handelt sich hier eindeutig nicht um eine knappe, streng chronologisch aufgebaute Abhandlung der Familiengeschichte.
Im ersten Teil wird die Entwicklung von den Betreibern einer kleinen Gussstahlhütte bis hin zu fast selbstverständlichen Beziehungen der Krupps mit Regierungen und Hochadel geschildert. Dabei beschäftigt sich der Autor immer eingehend mit den einzelnen Personen und deren Privatleben, niemals ist die Darstellung langatmig herunter gerattert. Auf den eigentlichen Protagonisten Arndt wird erst im zweiten Teil eingegangen, sein Leben wird ausführlicher als jene seiner Vorgänger erzählt: Der Vater versuchte den Sohn zu Selbstständigkeit und Stärke zu erziehen, immer wenn Arndt sich in einem Internat als vermeintlich schwacher Außenseiter erwies, steckte ihn sein Vater Alfried in ein anderes. Dadurch verbrachte Arndt eine ziemlich triste Kindheit – was ihn von seinen Vorfahren aber nicht wirklich unterschied: Die erstgeborenen Familienmitglieder (nicht nur die Söhne, auch Arndts Großmutter Bertha ist hier einzureihen) waren stets von Geburt streng im Blick auf das künftige Erbe erzogen worden. Dass Arndt die Last der Firmenführung erspart bleiben sollte, wusste während seiner vorbereitenden Erziehung noch niemand.
Seine Homosexualität kommt erst gegen Ende des Buches zusammen mit seinem maßlosen Lebensstil und seinem Hang zur Verschwendung dezidiert zur Sprache – schon Arndts Großvater Friedrich war schwul, doch erst dem letzten Krupp sollte es gelingen, seine Sexualität nahezu offen auszuleben. Einen großen Teil der biografischen Darstellung nimmt auch die Beziehung zu seiner Ehefrau Hetty ein, der er nicht aus Leidenschaft, aber aufgrund großer Sympathie ein Leben ohne finanzielle Sorgen schenken wollte.
Arndt verzichtete schließlich auf Betreiben seines Vaters (dessen Gründe nicht ganz eindeutig gewesen zu sein scheinen) darauf, als Erbe die Firma weiter zu führen und zu übernehmen, im Gegenzug bekam er für diesen Erbverzicht eine stattliche Rente, weshalb er oft als jüngster Frührentner Deutschlands bezeichnet wurde.

Im Gegensatz zu anderen meiner Empfehlungen ist die Sprache hier sehr verständlich gehalten, es kommen nur selten Fremdwörter vor und mit insgesamt 247 Seiten ist die gleichwohl ausführliche Darstellung nicht übermäßig lang; die wichtigen Passagen werden außerdem immer wieder mal in Erinnerung gerufen. Zur besseren Veranschaulichung sind einige Bilder beigegeben, was ich beim Lesen eine sehr eindrucksvolle Ergänzung fand.
Ich bin sicherlich jemand, der gerne zurückblickt und sowohl aus der eigenen Vergangenheit, als auch aus derer von anderen, lernt. Aber nicht nur deshalb gefällt mir diese Biografie so gut. Ich kann mich auch mit dem Inhalt identifizieren, denn zumindest die konservative Erziehung habe ich auch teilweise erfahren; meine Eltern waren genauso wie jene im Buch immer darauf bedacht, einen willensstarken und durchsetzungsfähigen Mann heranzuziehen – oft leider zu sehr auf ihr Ziel fokussiert als auf den Menschen mit Persönlichkeit, eigenem Denken und eigenen Vorstellungen.

Link zum Buch inkl. Bestellmöglichkeit bei Löwenherz