Reden hilft.

Und mir hilft ganz besonders das Schreiben.

2017 war ich ja bereits auf Reha und dachte, dort weitgehend mit der Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Meine Panikattacken habe ich in Folge tatsächlich abgelegt. Ich hatte dafür zwar dafür die komplexe Diagnose „Borderline“ umgehängt bekommen, war aber auch mit mehreren Strategien auf einen guten Weg geschickt worden.

Leider ist das alles aber doch nicht ganz so einfach, das Leben ist fragil und der menschliche Körper und seine Psyche sind besonders komplex: Depressionen und antrainierte Abwehrmechanismen der Psyche können immer wieder auftauchen, so tief verwurzelt sind sie wohl.

Dass es die Möglichkeit des psychischen Krankenstandes gibt, ist sehr wichtig – nicht zuletzt aufgrund meines eigenes persönlichen Bezuges habe ich mich deswegen vor Kurzem sehr geärgert über die Pläne der Umgestaltung der Krankenstands-Regelungen. Ich spreche hier freiwillig öffentlich über meine psychische Thematik; anderen aufzuzwingen, dass sie ihre Krankheitsgeschichte dem Arbeitgeber gegenüber offenlegen müssen, das wäre allerdings fatal: Denn wie viele Chefs gibt es da draußen, die vorurteilend mit so etwas umgehen würden bzw. wo der Arbeitnehmer gemobbt werden würde? Zu unrecht, denn Menschen wie ich, das möchte ich mal so selbstsicher sagen, sind nicht weniger wert: Wir haben auch unsere besonderen Stärken.

Schon seit Langem ist mir Mental Health ein großes Anliegen, dem ich mich auch gerne politisch mehr widmen würde, wenn ich wieder fit bin. Mit meinen Offenlegungen und Berichten möchte ich das Tabu brechen und Betroffenen im Umfeld zeigen, dass sie nicht alleine sind. Psychische Probleme sind viel geläufiger als man vielleicht denkt – und trotzdem bringt das Thema noch sehr viel Stigmatisierung mit sich. Sehr gefreut habe ich mich deshalb über die vielen netten Kommentare und Nachrichten als Reaktion auf mein gestriges Posting.

Danke euch!

Der unschätzbare Wert einer glücklichen Kindheit

Viele psychische Erkrankungen sind auf die Kindheit zurückzuführen, vor allem Bindungstraumatisierungen hinterlassen tiefe Narben. Besonders in den ersten fünf Lebensjahren ist ein Mensch seinem Umfeld komplett ausgeliefert. Enge Bezugspersonen wie z.B. die Eltern haben dabei den größten Einfluss auf das spätere Leben eines Kindes: Die Fürsorge, der Erziehungsstil und eigentlich das Gesamtbild der Eltern prägt das Kind und dessen Persönlichkeitsentwicklung stark.

Während sich ein psychisch gesundes Umfeld, soziale Kontakte und ein gutes Ersatzmilieu nach eventuellem Mutterverlust positiv auf das spätere Leben auswirken, gelten eine gewaltvolle, disharmonische Umgebung, Abwesenheit von engen Bezugspersonen und Reizentzug als gesicherte Risikofaktoren für eine gestörte Entwicklung.

Bei Körperkontakt schütten Säuglinge Endorphine aus – werden sie nach der Geburt allerdings von ihren Müttern getrennt, so regt das die Ausschüttung von Stresshormonen an: Gift für die Entwicklung des noch unreifen Gehirns! Besteht ein solcher Mangel an Körperkontakt über längere Zeit, so hat das nämlich tatsächlich biologische Dysfunktionen zur Folge. Die rechte Hirnhälfte ist vermutlich besonders betroffen, was später Beeinträchtigungen in der Affektregulation, in der Stressbewältigung und im Bindungsverhalten haben kann.

Kinder, die frühkindlich zwar körperlich umsorgt, denen aber dauerhaft jegliche Liebe und soziale Kontakte vorenthalten werden, entwickeln relativ rasch eine Deprivationsstörung („Hospitalismus“) und büßen oft soziale, aber auch intellektuelle Fähigkeiten ein – teils irreversibel. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist Kaspar Hauser:

Dabei handelt es sich um einen Jungen, der Anfang des 19. Jahrhunderts in Nürnberg verstört, völlig verwahrlost und offenbar geistig zurückgeblieben aufgefunden wurde: Er war zu dem Zeitpunkt etwa 16 Jahre alt und konnte weder lesen noch schreiben, auch das Sprechen bereitete ihm Mühe. Von diesem Jungen wurde erzählt, dass er sein ganzes Leben lang im Dunkeln bei Wasser und Brot im Keller eingesperrt gelebt hatte.

Über das Erwähnte hinaus haben natürlich aktiver psychischer und/oder sexueller Missbrauch sowie körperliche Gewalt extremste Schäden für die Psyche zur Folge, besonders wenn es sich bei den TäterInnen um Nahestehende handelt. Einmalige Erfahrungen können dabei noch besser weggesteckt werden als das anhaltende Erleben traumatisierender Ereignisse. Betroffene von Kindheitstraumata entwickeln vermehrt gesundheitliche Risiko-Verhaltensweisen (z.B. überdurchschnittlicher Alkohol- bzw. Drogenkonsum) und leiden später häufiger an komplexen Persönlichkeitsstörungen wie Borderline.

Was ich vermitteln möchte:
Liebe und Aufmerksamkeit bzw. insgesamt ein harmonisches Umfeld sind für eine gesunde psychische Entwicklung unersetzbar. Leider ist unser schnelllebiges und auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtetes System da nicht unbedingt förderlich. Aber wir müssen uns dieser enormen Verantwortung über das spätere Leben unserer Kinder unbedingt bewusst sein, denn Menschenleben sind zu wertvoll, um sorglos mit ihnen umzugehen.