„Verdammt starke Liebe“ von Lutz van Dijk

»Mit wärmsten Empfehlungen« ist eine Rubrik in den Katalogen der Buchhandlung Löwenherz, in denen ich mehrmals Bücher rezensiert habe – nun auch hier verfügbar. Folgende Rezension ist 2015 erstmals erschienen, vorgestern jährte sich die eingangs erwähnte Befreiung schon zum 75. Mal.

Nicht zuletzt der 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung am 27. Januar hat mein grundsätzlich ohnehin vorhandenes großes Interesse an der NS-Zeit stark angesprochen und mich dazu bewegt, mir sowohl einige Filme über diese Zeit anzusehen als auch mich tiefer in die Materie einzulesen. Ein Buch, das mir dabei besonders ins Auge gesprungen ist, ist »Verdammt starke Liebe« von Lutz van Dijk, mittlerweile ein Klassiker, in dem es um eine wahre Geschichte geht. Nach Filmen wie »Jakob der Lügner« und »Der Pianist« erschien mir der Titel besonders passend.

Stefan K., der Protagonist, ist ein zu Anfang des Buches 16-jähriger Pole, der zusammen mit seinen Eltern, seinem etwas älteren Bruder Mikolaj, zu dem er ein sehr enges Verhältnis pflegt, und seinen weiteren drei Geschwistern, über die man im Buch kaum etwas erfährt, in eher ärmlichen Verhältnissen in Torun lebt. Die Handlung beginnt im Jahr 1939, Deutschland hat gerade Polen überfallen und Stefan, der eigentlich voller Freude das Musikgymnasium besuchen will, muss sich eine Lehrstelle suchen, die er auch ziemlich schnell in einer Bäckerei findet. Der Vater muss als Soldat an der Front herhalten, die Mutter derweil die Rolle der starken Hausfrau erfüllen. Mikolaj ist rebellischer als Stefan und möchte die wachsende Unterdrückung durch die nazi-deutsche Besetzung nicht so einfach hinnehmen; er freundet sich später mit Widerständlern an. Er streitet diesbezüglich auch des Öfteren mit Stefan, weil dieser als begeisterter Sänger in einem Theater auftritt, welches, so meint Mikolaj, ja nur von Deutschen besucht werden würde. Als Stefan dann eines Tages einen österreichischen Wehrmachtssoldaten kennenlernt und sich plötzlich ganz neue Gefühle in ihm regen, die er nur von Erzählungen hinter vorgehaltener Hand kennt, sieht er sich in einer Zwickmühle. Einerseits beginnt er relativ schnell zu begreifen, was er da empfindet, nämlich, dass er wohl homosexuell ist und damit eigentlich auch gar kein Problem hat; andererseits fürchtet er aber den Spott und die Übergriffe der anderen – noch dazu wenn er seinem Bruder die Liebe zu einem Nazi offenbaren müsste. Trotzdem fangen Stefan und Willi G., der etwa Mitte zwanzig zu sein scheint und die Gefühle für Stefan erwidert, heimlich eine Beziehung an und treffen sich beinahe täglich abends in einem scheinbar sicheren Versteck, einer alten Scheune. Nachdem Willi anfängt, Stefan Geschenke zu machen – bei denen es sich hauptsächlich um Gebrauchsgegenstände wie neue Stiefel oder einen Gasbrenner handelt – und dessen Bruder es sehr stört, dass Stefan »von seinen deutschen Freunden« überhaupt etwas geschenkt bekommt, wird die Beziehung zwischen den beiden Geschwistern zunehmend angespannt. Nach mehreren Monaten des gemeinsamen Glücks wird Willi plötzlich an die Front versetzt und Stefan fühlt sich wieder alleine. In seiner Einsamkeit schreibt er Willi über den Armee-Postverteiler einen Brief, in dem er ihm seine Treue beteuert – eine genaue Adresse hat er nicht. Diese Zeilen sind es, die ihm später zum Verhängnis werden: Eines Tages wird Stefan zum Verhör ins Gestapo-Hauptquartier in Warschau vorgeladen; schnell wird ihm sein Fehler bewusst, im Angesicht der strengen Kontrollen gerade des Militärs einen solch heikel formulierten Brief zu versenden. Der 17-jährige Stefan erlebt Gewalt und Folter, Hunger und Durst und wird schließlich nach kurzem Gerichtsprozess nach § 175 wegen homosexueller Handlungen mit Männern verurteilt und in ein Gefängnis verfrachtet. Bis zum Kriegsende und seiner riskanten Flucht kommt er in verschiedene Konzentrationslager des besetzten Polens. Von seiner ersten großen Liebe hört Stefan nie wieder etwas, die Ungewissheit, was mit Willi geschah, verfolgt ihn sein ganzes Leben.

Im realen Leben hieß »Stefan K.« Stefan T. Kosinski und lebte bis zu seinem Lebensende im stalinistischen und streng katholischen Polen, seine Homosexualität versteckte er. Über Lutz van Dijk erhielt er erstmals ein Sprachrohr, er hoffte, jungen Menschen Mut machen zu können und vom Staat endlich Entschädigung für seine erlittenen seelischen wie körperlichen Verletzungen zu bekommen. Bis zu seinem Tod 2003 litt Stefan an Folgen seiner Haft, er starb mit 78 Jahren nach einigen Monaten schwerer Krankheit in Warschau. »Willi G.« alias Wilhelm Götz kam vermutlich schon 1945 an der Front um.
»Verdammt starke Liebe« ist von meinen bisherigen Empfehlungen sprachlich sicherlich das am einfachsten zu bewältigende Werk, mit 167 Seiten liest es sich recht flott und die Handlung reißt einen mit. Gleichzeitig ist der Inhalt aber auch sehr berührend, nachdem ich fertig war, war meine Betroffenheit groß und ich recherchierte erst einmal mehr über Stefan und sein Leben, bevor ich mich an diesen Katalogtext setzte.
Wie eingangs schon erwähnt habe ich großes Interesse am Thema des Nationalsozialismus, insbesondere am Holocaust und der Verfolgung Homosexueller. Würde ich Geschichte studieren, wäre das gemeinsam mit der Antike und dem Mittelalter mein Spezialgebiet. Dieses Jahr werde ich auch versuchen, zusammen mit der Jugendgruppe der HOSI Wien auf Exkursion nach Mauthausen zu fahren. Im März erscheint neben der Neuauflage von »Verdammt starke Liebe« der über viele Jahre geführte Briefwechsel zwischen Autor Lutz van Dijk und Stefan T. Kosinski im Querverlag unter dem Titel »Endlich den Mut …« – ich durfte schon in die Druckfahnen schauen und kann diese Neuerscheinung ebenso wie »Verdammt starke Liebe« empfehlen.

Link zum Buch inkl. Bestellmöglichkeit bei Löwenherz

„Das Ende von Eddy“ von Édouard Louis

»Mit wärmsten Empfehlungen« ist eine Rubrik in den Katalogen der Buchhandlung Löwenherz, in denen ich mehrmals Bücher rezensiert habe – nun auch hier verfügbar:

Der Autor dieses autobiografischen Coming-of-age-Romans hat viel durchgemacht, sehr viel mehr als man beim Anblick seines Portraits, dem Bild eines attraktiven, blonden, jungen Mannes mit unschuldigen Augen, glauben möchte. Ganz ohne Selbstmitleid erzählt Édouard Louis von einer Kindheit, geprägt von psychischem Missbrauch und Gewalt.

Zu seinem Vater, der als Kind selbst unter einem durch übermäßigen Alkoholkonsum gewalttätig gewordenen Vater leiden musste, kann Eddy Bellegueule, so hieß Édouard Louis vor seiner Abrechnung, keine emotionale Beziehung aufbauen, schon früh wird er zurückgewiesen und als zu feminin abgestempelt. Feminine Züge erkennt er allerdings auch selbst an sich: seine Gestik, sein Gang und nicht zuletzt seine für einen Jungen überdurchschnittlich hohe Stimme bringen ihn öfters in Verlegenheit. Richtig schafft er es nie, sich anzupassen und dazuzugehören, zuhause wird er eher runtergemacht und verspottet.

Gleich zu Beginn des Buches erlebt er eine prekäre Lage: der Protagonist – denn obwohl der Roman in Ich-Perspektive geschrieben ist, erscheint der Eddy der Vergangenheit immer in einer deutlichen Distanz – macht in seiner neuen Schule Bekanntschaft mit zwei tonangebenden Mitschülern. Fortan wird er täglich in der Pause von den beiden bespuckt, getreten und beschimpft, schon am Morgen vor dem Schulweg ist er deshalb nervös, und seine Mutter meint gar, Eddy sei hyperaktiv; sie sieht nur sich und meint diesen Stress nicht aushalten zu können. Nicht lange dauert es also, bis er zum Arzt geschickt wird und Beruhigungstropfen verordnet bekommt.
Generell weiß sich die Mutter oft nicht anders zu helfen als Ausflüchte zu suchen und über andere herzuziehen. Eddy wird eine Weltsicht beigebracht, in der die Schwarzen schuld an Arbeitslosigkeit im allgemeinen und an der Armut der eigenen Familie im besonderen sind und in der »die Bürgerlichen« beneidenswerte Schnösel darstellen, über die man trotzdem – oder gerade deshalb – gerne lästert. Er lernt beim Anblick von Arabern auf der Straße zusammenzuzucken und sich selbst über seine eigene, ihm eigentlich verhasste, einfache Sprache zu wundern.
Damit zeigt der Autor mit dem beschriebenen Umfeld Eddys eine Welt, die wahrscheinlich viele kennen, aber es dennoch nicht schaffen, sich davon zu lösen. Dass Intoleranz im ländlichen Raum allgegenwärtig und selbstverständlich ist, war mir schon bewusst; die Schilderung der Situation in der französischen Provinz fand ich dann aber dennoch schockierend. Wie viele homosexuelle, ungeoutete, womöglich verheiratete Männer (und Frauen) mag es da draußen noch geben – Menschen, die sich an das Leben, in das sie durch Erziehung und Umfeld hineingewachsen sind, anpassen mussten? Und dabei geht es nicht einmal nur um Homosexualität, allgemein ein bisschen anders zu sein als die anderen und nicht vollends in die Norm zu passen reicht schon aus, um Opfer von Diskriminierung zu werden.
Am Vergleich mit Xavier Dolan – meinem schwulen Lieblingsregisseur – als junger Rebell, der sich mittels künstlerischen Ausdrucks an seiner Vergangenheit rächt bzw. mit ihr abschließt, komme ich nicht vorbei. Genauso wie Édouard Louis kommt auch Dolan aus dem französischsprachigen Raum (wenngleich aus Quebec in Kanada) und hat schon die Thematik schwieriger Eltern-Sohn-Beziehungen aufgegriffen.

»Das Ende von Eddy« ist sprachlich einfach zu bewältigen, selbst wenn einige besondere Stilmittel eingesetzt werden. So verwendet der Autor statt direkter Rede beispielsweise durchgehend Kursivschreibung. Die Sätze wirken oftmals abgehackt und unvollendet. Beweggrund wird keiner genannt, aber ich gehe davon aus, dass Édouard Louis sich damit bewusst von einer chronologischen, genauen Erzählweise und der verwendeten Sprache der Protagonisten, insbesondere seiner Eltern, distanzieren will. Überhaupt wird die gesamte Handlung nicht wie gewohnt einer bestimmten zeitlichen Reihenfolge nach erzählt, sondern vielmehr aus verschiedenen Aspekten betrachtet. Die einzelnen Kapitel tragen Titel wie »Mein Vater«, »Das Gehabe« und »Auflehnen des Körpers«, was eher an eine wissenschaftliche Abhandlung als an einen Roman erinnert.

Nach dieser Empfehlung werde ich mich gleich an meinen nächsten Text setzen: ein E-Mail an Édouard Louis. Denn wenn ich daran denke, dass der Inhalt seines Buches ein autobiografischer ist, dann muss ich unwillkürlich an meine eigene Vergangenheit denken. Ganz klar ging es bei mir nicht so stark um »Andersartigkeit« wie bei ihm, so ganz dazu gehört habe ich in meiner Kindheit aber doch nirgends, immer war ich ein wenig Außenseiter. Und v.a. die schwierigen Familienverhältnisse kann ich genauso vorweisen, habe ich doch mehrere Umzüge, (auch böse) Stiefmütter, jahrelanges Schweigen mit dem Vater und komplizierte Familienverhältnisse miterlebt – nicht zuletzt ebenso den Start in ein neues Leben.

Den Namen zu ändern, ein Zeichen zu setzen – mit der Vergangenheit abzuschließen: Mit »Das Ende von Eddy« ist dem Autor das wohl endgültig gelungen, die Flucht nach vorne war erfolgreich. Eddy Bellegueule gibt es nicht mehr – heute heißt er Édouard Louis, studiert Sozialwissenschaften in Paris und lebt ein glücklicheres Leben als je zuvor.

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