Versöhnung. Aussöhnung.

Niemand ist mehr an seine Eltern gekettet als ein Mensch, der sich von ihnen losgesagt und den Kontakt abgebrochen hat.

Als ich mit 16 Jahren von daheim in einer Nacht-und-Nebel-Aktion weglief, hatte ich innerlich mit der Vergangenheit abzuschließen versucht und wollte meine Eltern (Vater und Stiefmutter) quasi nie wieder sehen – so innerlich distanziert hatte ich mich von ihnen, so sehr war ich seelisch verletzt worden. Ich fühlte mich nicht wie ein Kind sich seinen Eltern gegenüber fühlen sollte: behütet, akzeptiert und geliebt.

So machte ich mich also auf in eine neue Welt und zog aus um ungelebte Freiheiten endlich auszuleben. Was ich dann wiederum leider extrem übertrieb – aber das habe ich bereits im vorherigen Blogbeitrag thematisiert.

Erst 2016/17 fand ich nach beinahe vier Jahren annähernder Funkstille wieder zurück zu ihnen. 2017 war ich auch sechs Wochen auf Reha, im Rahmen derer mir die psychologische Wichtigkeit der Aussöhnung mit den Eltern bewusst wurde. Anfang 2018 zog ich sogar wieder zurück zu ihnen (und meinem kleinen Bruder), wo ich deutlich merken konnte, dass mir doch noch ein paar Jahre in geschützter Umgebung unter den Fittichen von Bezugspersonen zu einer gesunden Entwicklung gefehlt hätten…

Meine Stiefmutter erkrante allerdings während meiner Abwesenheit an Krebs und litt ziemlich darunter. Recht bösartig und aggressiv wie er war, breitete er sich in ihrem Körper aus – Chemotherapien u.ä. ermöglichten ihr aber noch ein paar Jahre.

Ich bin sehr froh, dass ich ihr letztes Lebensjahr – sie starb zu Silvester 2018 – noch mit ihr teilen und mich mit ihr voll aussöhnen konnte. Durch diese Aussöhnung wurde ich viel gefestigter im Leben und ich bin im Nachhinein wirklich dankbar, dass sie stattgefunden hat. Erst am Ende merkt man oft, wie viel einem jemand bedeutet – soviel auch vorgefallen ist zwischen einander.

Auch mit meinem Vater bin ich inzwischen auf einer Ebene, die ein gutes Miteinander ermöglicht. Ich bin mittlerweile so weit, dass ich immer versuche das Handeln anderer nachzuvollziehen anstatt einfach zu verurteilen – sei ihr Handeln noch so arg auf den ersten Blick. Dahinter steckt doch meist selbst eine verletzte, traumatisierte Seele, die erst zu dem geworden ist, das diese argen Handlungen setzt.

Und so kann ich nahezu jedem vergeben, wenn auch ihre Taten nicht komplett vergessen.

Sucht durch Schmerz

Jede Abhängigkeit oder Sucht entspringt einer unbewussten Weigerung, sich mit dem eigenen Schmerz auseinanderzusetzen und ihn durchzustehen. Jede Sucht beginnt mit Schmerz – und endet auch mit Schmerz.

Denn bei jeder Sucht kommt ein Punkt, an dem die Droge nicht mehr wirksam ist; dann spürt man den Schmerz noch intensiver als zuvor. Die Sucht verursacht diesen Schmerz und Kummer aber nicht ursprünglich: Sie fördert lediglich jenen Schmerz und jenen Kummer zutage, die bereits in einem sind.


In Wahrheit geht es bei Abhängigkeit also um diesen ursächlichen Schmerz, der auszublenden bzw. zu betäuben versucht wird.

Deshalb bringt Symptombehandlung auf Dauer nichts. Allein das Suchtverhalten zu drosseln, wird als Maßnahme der Suchthilfe nie ausreichen. Man muss die Wurzel des Kummers erforschen.

Meistens handelt es sich dabei um Bindungstraumatisierungen in der Kindheit, wie Gewalt, sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung durch nahe Bezugspersonen. Das innere Kind zu umsorgen und (endlich) in eine sichere Umwelt zu bringen, das ist das Ziel.


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