Versöhnung. Aussöhnung.

Niemand ist mehr an seine Eltern gekettet als ein Mensch, der sich von ihnen losgesagt und den Kontakt abgebrochen hat.

Als ich mit 16 Jahren von daheim in einer Nacht-und-Nebel-Aktion weglief, hatte ich innerlich mit der Vergangenheit abzuschließen versucht und wollte meine Eltern (Vater und Stiefmutter) quasi nie wieder sehen – so innerlich distanziert hatte ich mich von ihnen, so sehr war ich seelisch verletzt worden. Ich fühlte mich nicht wie ein Kind sich seinen Eltern gegenüber fühlen sollte: behütet, akzeptiert und geliebt.

So machte ich mich also auf in eine neue Welt und zog aus um ungelebte Freiheiten endlich auszuleben. Was ich dann wiederum leider extrem übertrieb – aber das habe ich bereits im vorherigen Blogbeitrag thematisiert.

Erst 2016/17 fand ich nach beinahe vier Jahren annähernder Funkstille wieder zurück zu ihnen. 2017 war ich auch sechs Wochen auf Reha, im Rahmen derer mir die psychologische Wichtigkeit der Aussöhnung mit den Eltern bewusst wurde. Anfang 2018 zog ich sogar wieder zurück zu ihnen (und meinem kleinen Bruder), wo ich deutlich merken konnte, dass mir doch noch ein paar Jahre in geschützter Umgebung unter den Fittichen von Bezugspersonen zu einer gesunden Entwicklung gefehlt hätten…

Meine Stiefmutter erkrante allerdings während meiner Abwesenheit an Krebs und litt ziemlich darunter. Recht bösartig und aggressiv wie er war, breitete er sich in ihrem Körper aus – Chemotherapien u.ä. ermöglichten ihr aber noch ein paar Jahre.

Ich bin sehr froh, dass ich ihr letztes Lebensjahr – sie starb zu Silvester 2018 – noch mit ihr teilen und mich mit ihr voll aussöhnen konnte. Durch diese Aussöhnung wurde ich viel gefestigter im Leben und ich bin im Nachhinein wirklich dankbar, dass sie stattgefunden hat. Erst am Ende merkt man oft, wie viel einem jemand bedeutet – soviel auch vorgefallen ist zwischen einander.

Auch mit meinem Vater bin ich inzwischen auf einer Ebene, die ein gutes Miteinander ermöglicht. Ich bin mittlerweile so weit, dass ich immer versuche das Handeln anderer nachzuvollziehen anstatt einfach zu verurteilen – sei ihr Handeln noch so arg auf den ersten Blick. Dahinter steckt doch meist selbst eine verletzte, traumatisierte Seele, die erst zu dem geworden ist, das diese argen Handlungen setzt.

Und so kann ich nahezu jedem vergeben, wenn auch ihre Taten nicht komplett vergessen.

Meine Biografie. Meine Motivation.

Seit Jahren engagiere ich mich leidenschaftlich politisch. Um meine dahinterstehende Motivation verständlich zu machen, möchte ich in diesem Beitrag bewusst sehr offen auf meine Herkunft bzw. Biografie eingehen.

Am 20. Mai 1996 bin ich als Sohn eines sehr streng erzogenen Softwareentwicklers und einer alkoholkranken Poetin in Stockerau, Niederösterreich, zur Welt gekommen. Meine Mutter nahm zum Zeitpunkt meiner Geburt bereits seit mindestens sieben Jahren Antidepressiva ein, konnte ihrer Flucht in den Alkohol aber leider nicht Meisterin werden – auch während der Schwangerschaft nicht. Auch wenn es sich bei mir um ein Wunschkind handelte, fiel sie nach meiner Geburt noch dazu in eine schwere postpartale Depression.

Im Jahr 2000 verstarb meine Mutter im Alkoholkoma. Nach einiger Zeit bei meinen Großeltern mütterlicherseits zog ich für über ein Jahr zu den Eltern meines Vaters. Diese Zeit bedeutete für mich viel Schönes, wie z.B. einen großen Garten und ein Aufwachsen am Land, aber auch eine strenge Erziehung.

Kurz vor meinem Volksschuleintritt zog ich in eine kleine sozialpädagogische Wohngemeinschaft für traumatisierte Kinder und Jugendliche in Enzesfeld-Lindabrunn, die „WG Kinderlachen“ von Andreas Hirtl. Meinen Vater und meine Großeltern bekam ich nur abwechselnd an den Wochenenden zu Gesicht. Während dieser Zeit versuchte sich mein Vater mit einer neuen Partnerin eine Zukunft in Eichgraben aufzubauen. Jene Frau hatte allerdings großen Hass gegen meine leibliche Mutter, den sie gegen mich richtete. Psychoterror, aber auch vereinzelte, bis heute sehr gut in Erinnerung bleibende körperliche Übergriffe, prägten meine Besuche dort.

Im Alter von sieben Jahren kam ich zurück zu meinem Vater nach Wien, der inzwischen eine neue Lebensgefährtin gefunden hatte. Nachdem er sie 2004 heiratete, wurde sie offiziell zu meiner Stiefmutter.

Rückwirkend betrachtet bin ich meiner Stiefmutter zutiefst dankbar für ihre damalige Bereitschaft, mich in ihr Leben aufzunehmen. In vielen Situationen, das ist mir heute bewusst, ist sie wie eine Löwin für mich eingestanden und hat für mich gesorgt. Andererseits war es auch für sie etwas komplett Neues, plötzlich ein Kind zu haben, das quasi schon „angeknackst“ und im Alter von sieben Jahren „geliefert“ wird.
Denn „angeknackst“ war ich bereits recht stark, das ist mir heute auch klar. Bereits in der Volksschulzeit zeigte ich z.B. starkes ADHS auf, immer suchte ich überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit sowie Bestätigung, ein Schwarz-Weiß-Denken und eine fehlende Impulskontrolle waren auch schon vorhanden.

Mit der Zeit wurde die Beziehung zu meinem Vater und meiner Stiefmutter schwieriger, 2005 kam dann mein Halbbruder zur Welt. Meine Eltern wurden mir gegenüber strenger, gelegentlich kam es zu Ausrutschern physischer Natur, ich kam in die Pubertät. Die Situation und unsere Patchwork-Family – aus der vorangegangenen Beziehung meines Vaters kam eine Halbschwester dazu – war sicherlich für alle Beteiligten nicht einfach. Als Kind bzw. Jugendlicher fühlte ich mich in meiner Haut und auch zuhause allerdings immer unwohler.
Als ich mich dann mit ca. 14 Jahren outete und meine Homosexualität offenbarte, die vor allem bei meinem Vater gar nicht gut ankam, wurden die Streits immer häufiger und ich rutschte in eine erste diagnostizierte Depression.

Im Alter von 16 Jahren entschied ich mich zur Flucht und packte meinen Koffer. In einer Herbstnacht wartete ich bis meine Eltern eingeschlafen waren und lief davon. Die erste Nacht verbrachte ich bei Regen im Rathauspark auf einer Parkbank, am nächsten Morgen machte ich mich mit seelischem Beistand einer Schulfreundin zum Krisenzentrum für Jugendliche in Wien-Simmering auf und verbrachte dort einen Monat in Obsorge des Jugendamtes. In Folge zog ich nach Verhandlungen mit meinem Vater zu meinen Großeltern mütterlicherseits und brach den Kontakt zur restlichen Familie ab.

Ein neues Leben begann für mich: Ich besuchte meine ersten Parties, ging aus, trank Alkohol – meine schulischen Erfolge rasselten dagegen in den Keller. Ich konnte mit den neugewonnenen Freiheiten nicht umgehen und versuchte nachzuholen, was ich aus meiner Sicht bis dahin verpasst hatte.
Nach dem Gymnasialbesuch der HIB 3 (Boerhaavegasse, 1030 Wien) hatte ich in der Oberstufe auf die BAKIP 8 (Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik, 1080 Wien) gewechselt – diese brach ich nun nach drei von fünf Jahren ab und startete stattdessen die Lehre zum Buchhändler & Einzelhandelskaufmann. Nach einem Jahr bei meinen Großeltern – ich war inzwischen 17 Jahre alt -, zog ich als Untermieter in eine Wohnung eines Bekannten und war fortan nahezu auf mich alleine gestellt. Ich tauchte in das schwule Nachtleben ein, engagierte mich stark bei der Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien und organisierte unter anderem den Wiener Regenbogenball und die Regenbogenparade mit. Mein Fortgehen nahm immer mehr Zeit in Anspruch und als sich schlussendlich zum Alkohol noch andere Substanzen wie Kokain gesellten, brach ich auch noch meine Ausbildung nach zwei Jahren ab.

Besonders zwischen 2014 und 2017 (18-21 Jahre) hatte ich mit großer Einsamkeit, fehlender Impulskontrolle und starken Depressionen zu kämpfen, die einen Teufelskreis befeuerten: Ich ging viel aus und versuchte die Einsamkeit sowie wohl die fehlende Liebe in meiner Kindheit, den tief sitzenden Schmerz (wie schon meine Mutter vor mir) mit diversen Substanzen zu verdrängen. Ich hatte kaum Freunde, dafür sehr viele oberflächliche Kontakte, hatte finanzielle Probleme und war sehr launisch. Vermutlich aus dem vielen Alkohol- und Drogenkonsum hervorgehend entwickelte ich noch dazu eine Panikstörung (Panikattacken), die mir zu schaffen machte.

Im Oktober 2016 fiel ich nach langem Feiern in eine starke Psychose und wurde via Rettung auf die psychiatrische Abteilung des Otto-Wagner-Spitals („Baumgartner Höhe“) eingeliefert. Mir wurde auf die Schnelle eine bipolare affektive Störung diagnostiziert und ich bekam nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt Medikamente mit auf den Weg. Zusätzlich besuchte ich fortan regelmäßig den Psychosozialen Dienst (PSD), wo mir eine Psychiaterin zu helfen versuchte.

Nachdem ich allerdings bis März 2017 noch zwei weitere Male (vermutlich lebensrettend) mit der Rettung auf die Baumgartner Höhe fuhr, entschied ich mich dazu, eine sechswöchige psychiatrische Reha zu besuchen. Im Klinikum Hollenburg wurde mir während dieser eine neue Diagnose umgehängt, in der ich mich tatsächlich auch selbst wiederfinde: Ich habe eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung, auch bekannt als Borderline.

Durch die Rehabilitation in Hollenburg sowie auch Literatur wie z.B. das Buch Borderline bewältigen von Heinz-Peter Röhr lernte ich mich und meine, mir über die Jahre durch traumatische Erfahrungen angeeigneten Abwehrmechanismen besser kennen.
Borderline ist eine sehr komplexe psychische Erkrankung, die leider nicht so einfach mit Medikamenten behandelt bzw. geheilt werden kann. Mit einer Kombination aus medikamentöser sowie Psychotherapie und Psychoedukation lässt es sich allerdings weitgehend gut mit ihr leben. Mit der Zeit habe ich einige Strategien entwickelt und kann heute teilweise präventiv handeln, um gewisse negative Aspekte der Erkrankung zu vermeiden.

Immer funktioniert das allerdings nicht. Erst kürzlich musste ich das wieder feststellen. Aber so ist das Leben – und nach einem Tief kommt auch immer wieder ein Hoch.


Was hat meine Biografie nun mit meiner politischen Motivation zu tun?

Unsere Erfahrungen prägen uns. Besonders die (frühkindlichen) Kindheitserlebnisse haben großen Einfluss auf das spätere Leben eines Menschen. Charakter und Persönlichkeit werden durch das Zusammenspiel von Genetik, eigenen Erfahrungen sowie Umwelteinflüssen wie Eltern, Erziehung u.ä. geformt.

Ich hatte eine sehr turbulente Kindheit, die ich als überwiegend eher unangenehm bezeichnen würde. Mit den Folgen der fehlenden Liebe und der Abwesenheit echter Bezugspersonen, zu denen ich Vertrauen aufbauen konnte, habe ich noch heute zu kämpfen – und werde ich wohl auch noch länger haben.

Gleichzeitig bin ich durch meine Erfahrungen aber zu jemanden herangewachsen, der einen sehr stark ausgeprägten Gemeinschafts- und Gerechtigkeitssinn sein Eigen nennen darf. Ich bin ein sehr sensibler Mensch und versuche mein Bestmögliches, die Entscheidungen und das Verhalten anderer nachzuvollziehen, bevor ich Urteile fälle. Empathie hat bei mir höchsten Stellenwert.

Zukünftigen und heranwachsenden Generationen möchte ich ähnliche Erfahrungen wie die meinen gerne ersparen. Und als Mitglied vermeintlicher Randgruppen wie LGBTIQ-Personen oder Menschen mit psychischen Erkrankungen kann ich Diskriminierungen oder Ungerechtigkeiten nicht mitansehen, Zivilcourage und Hilfsbereitschaft versuche ich zu leben.

Wenn ich mich für eine Sache engagiere, dann tue ich das mit voller Überzeugung – halbe Sachen gibt’s bei mir nicht: Ganz oder gar nicht! Meine ehrliche Motivation versuche ich immer sehr offen zu kommunizieren, Authentizität ist mir wichtig. Mir würde deshalb auch nie einfallen, mich selbst oder die Stationen meines Lebens zu verleugnen, selbst wenn es sich um (leider) strafrechtlich relevante Themen wie Drogenkonsum handelt.


Mehr Informationen über die Borderline-Persönlichkeitsstörung werde ich versuchen, in einem eigenen Beitrag zu vermitteln. Auch Erläuterungen zu politischen Standpunkten oder Themenbereichen – wie z.B. mein Eintreten für eine liberalere Drogenpolitik – folgen laufend.

Das Beitragsbild wurde von Daniel Kleinfercher fotografiert.

Professionelles Hilfsangebot bei psychischen Krisen

Services wie den Psychosozialen Dienst (PSD) Wien kann ich jedem empfehlen, dem es gerade psychisch nicht so gut geht und der Beratung, Hilfestellung und Unterstützung für schwer zu bewältigende Zeiten benötigt.

Auch die Wiener Krankenhäuser inklusive ihren psychiatrischen Ambulanzen und Stationen sind verlässliche und vertrauenswürdige Partner im Prozess der Gesundung. Sollte es einmal gar nicht mehr gehen, dann ist der Griff zum Telefon und die Wahl des Rettungsnotrufes 144 angesagt – ein stationärer Aufenthalt um die akuten Bedürfnisse zu befriedigen rettet Leben und ist nichts, wofür man sich schämen muss.

Ich freue mich, dass ich diesmal keinen dieser Schritte setzen muss(te), möchte aber das Angebot der Stadt Wien wirklich jedem ans Herz legen, der nicht mehr weiter weiß. Handelt es sich um keine dringliche Problematik, dann ist es vielleicht auch ausreichend, sich einen Termin bei einem Psychiater und/oder einem Psychotherapeuten auszumachen: Eine passende medikamentöse Einstellung sowie eine Gesprächstherapie können viel Gutes bewirken.

Das Anvertrauen an den engen Freundeskreis kann ähnlich befreiend wirken und dabei helfen, Lösungen zu finden oder professionelle Hilfe zu organisieren. Ich stelle mich hier übrigens ebenso einmal mehr zur Verfügung und biete mein offenes Ohr an!

Ansonsten:
PSD / Psychiatrische Soforthilfe —> 01 31330
Telefonseelsorge —> 142
Rat auf Draht —> 147
Rettung —> 144

Ich habe alle der angegebenen Nummern in der Vergangenheit bereits genutzt und kann nur Positives berichten. („Rat auf Draht“ ist ein Krisennotruf speziell für Kinder und Jugendliche; die Nummer des PSD gilt nur für Wien.)

Reden hilft.

Und mir hilft ganz besonders das Schreiben.

2017 war ich ja bereits auf Reha und dachte, dort weitgehend mit der Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Meine Panikattacken habe ich in Folge tatsächlich abgelegt. Ich hatte dafür zwar dafür die komplexe Diagnose „Borderline“ umgehängt bekommen, war aber auch mit mehreren Strategien auf einen guten Weg geschickt worden.

Leider ist das alles aber doch nicht ganz so einfach, das Leben ist fragil und der menschliche Körper und seine Psyche sind besonders komplex: Depressionen und antrainierte Abwehrmechanismen der Psyche können immer wieder auftauchen, so tief verwurzelt sind sie wohl.

Dass es die Möglichkeit des psychischen Krankenstandes gibt, ist sehr wichtig – nicht zuletzt aufgrund meines eigenes persönlichen Bezuges habe ich mich deswegen vor Kurzem sehr geärgert über die Pläne der Umgestaltung der Krankenstands-Regelungen. Ich spreche hier freiwillig öffentlich über meine psychische Thematik; anderen aufzuzwingen, dass sie ihre Krankheitsgeschichte dem Arbeitgeber gegenüber offenlegen müssen, das wäre allerdings fatal: Denn wie viele Chefs gibt es da draußen, die vorurteilend mit so etwas umgehen würden bzw. wo der Arbeitnehmer gemobbt werden würde? Zu unrecht, denn Menschen wie ich, das möchte ich mal so selbstsicher sagen, sind nicht weniger wert: Wir haben auch unsere besonderen Stärken.

Schon seit Langem ist mir Mental Health ein großes Anliegen, dem ich mich auch gerne politisch mehr widmen würde, wenn ich wieder fit bin. Mit meinen Offenlegungen und Berichten möchte ich das Tabu brechen und Betroffenen im Umfeld zeigen, dass sie nicht alleine sind. Psychische Probleme sind viel geläufiger als man vielleicht denkt – und trotzdem bringt das Thema noch sehr viel Stigmatisierung mit sich. Sehr gefreut habe ich mich deshalb über die vielen netten Kommentare und Nachrichten als Reaktion auf mein gestriges Posting.

Danke euch!

This is what depression looks like.

Kaum ist die Smalltalk-Frage „Wie geht‘s?“ im Alltag ausgesprochen, wandert der Fragenstellende schon weiter zum nächsten Gedanken. Eine ehrliche Antwort erwartet sich wohl kaum jemand, die oberflächliche Floskel ist nicht mehr als eine Höflichkeitsformel. Wie würde man auch mit einer ehrlichen Antwort umgehen? Ich selbst war ebenso schon perplex, wenn jemand mal etwas ausführlicher geantwortet und dem oberflächlichen Getue nicht auf den Leim gegangen ist. Im Nachhinein kamen Schuldgefühle und Scham in mir hoch – ich betrachte mich als sozialen Menschen und reflektiere mein Verhalten intensiv, bin aber von den Tücken, die ich in der heutigen Gesellschaft erkenne, auch nicht gefeit.
Trotzdem werde ich nicht aufgeben und weiterhin versuchen, es besser zu machen.

Denn auch ich selbst ärgere mich, wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, und ich mir dabei aber bewusst bin, dass sich der andere nicht die Zeit nehmen würde, mir zuzuhören. Das macht traurig.

Ich habe diverse eigene Problemchen schon öfters offen angesprochen auf diesem Medium: Seit meiner Jugend leide ich an Depressionen, so wie schon meine Mutter vor mir. Meine Entwicklung war geprägt von unschönen Erfahrungen. Ich dachte, ich hätte das alles 2017 in den Griff bekommen, über die letzten Monaten musste ich mir allerdings eingestehen, dass dem wohl nicht so ist. Wieder stärker werdend ist die Hypersensibilität sowie das Bedürfnis, den Kopf in den Sand zu stecken ob der übergroß erscheinenden Herausforderungen des Lebens und der so kleinen, eigenen Bedeutung.

Mir ist allerdings klar, dass es auch wieder aufwärts gehen wird. Das geht es immer! Nach einem Tief kommt ein Hoch – und umgekehrt. Mal geht das schneller, mal braucht halt es etwas länger.

Beim Samariterbund habe ich als Konklusion meiner aktuellen gesundheitlichen Verschlechterung nun um eine Auflösung des Dienstverhältnisses angesucht. Was mir nicht einfach gefallen ist, da ich diese Tätigkeit sehr, sehr gerne ausübe.

Depressionen sind tückisch und komplex. Schenken wir unseren Mitmenschen mehr Zeit und Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Liebe. Mitleid brauche ich keines, nur eine ernsthafte Auseinandersetzung und ein Fallenlassen von Vorurteilen und Tabus wäre angenehm.

Der unschätzbare Wert einer glücklichen Kindheit

Viele psychische Erkrankungen sind auf die Kindheit zurückzuführen, vor allem Bindungstraumatisierungen hinterlassen tiefe Narben. Besonders in den ersten fünf Lebensjahren ist ein Mensch seinem Umfeld komplett ausgeliefert. Enge Bezugspersonen wie z.B. die Eltern haben dabei den größten Einfluss auf das spätere Leben eines Kindes: Die Fürsorge, der Erziehungsstil und eigentlich das Gesamtbild der Eltern prägt das Kind und dessen Persönlichkeitsentwicklung stark.

Während sich ein psychisch gesundes Umfeld, soziale Kontakte und ein gutes Ersatzmilieu nach eventuellem Mutterverlust positiv auf das spätere Leben auswirken, gelten eine gewaltvolle, disharmonische Umgebung, Abwesenheit von engen Bezugspersonen und Reizentzug als gesicherte Risikofaktoren für eine gestörte Entwicklung.

Bei Körperkontakt schütten Säuglinge Endorphine aus – werden sie nach der Geburt allerdings von ihren Müttern getrennt, so regt das die Ausschüttung von Stresshormonen an: Gift für die Entwicklung des noch unreifen Gehirns! Besteht ein solcher Mangel an Körperkontakt über längere Zeit, so hat das nämlich tatsächlich biologische Dysfunktionen zur Folge. Die rechte Hirnhälfte ist vermutlich besonders betroffen, was später Beeinträchtigungen in der Affektregulation, in der Stressbewältigung und im Bindungsverhalten haben kann.

Kinder, die frühkindlich zwar körperlich umsorgt, denen aber dauerhaft jegliche Liebe und soziale Kontakte vorenthalten werden, entwickeln relativ rasch eine Deprivationsstörung („Hospitalismus“) und büßen oft soziale, aber auch intellektuelle Fähigkeiten ein – teils irreversibel. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist Kaspar Hauser:

Dabei handelt es sich um einen Jungen, der Anfang des 19. Jahrhunderts in Nürnberg verstört, völlig verwahrlost und offenbar geistig zurückgeblieben aufgefunden wurde: Er war zu dem Zeitpunkt etwa 16 Jahre alt und konnte weder lesen noch schreiben, auch das Sprechen bereitete ihm Mühe. Von diesem Jungen wurde erzählt, dass er sein ganzes Leben lang im Dunkeln bei Wasser und Brot im Keller eingesperrt gelebt hatte.

Über das Erwähnte hinaus haben natürlich aktiver psychischer und/oder sexueller Missbrauch sowie körperliche Gewalt extremste Schäden für die Psyche zur Folge, besonders wenn es sich bei den TäterInnen um Nahestehende handelt. Einmalige Erfahrungen können dabei noch besser weggesteckt werden als das anhaltende Erleben traumatisierender Ereignisse. Betroffene von Kindheitstraumata entwickeln vermehrt gesundheitliche Risiko-Verhaltensweisen (z.B. überdurchschnittlicher Alkohol- bzw. Drogenkonsum) und leiden später häufiger an komplexen Persönlichkeitsstörungen wie Borderline.

Was ich vermitteln möchte:
Liebe und Aufmerksamkeit bzw. insgesamt ein harmonisches Umfeld sind für eine gesunde psychische Entwicklung unersetzbar. Leider ist unser schnelllebiges und auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtetes System da nicht unbedingt förderlich. Aber wir müssen uns dieser enormen Verantwortung über das spätere Leben unserer Kinder unbedingt bewusst sein, denn Menschenleben sind zu wertvoll, um sorglos mit ihnen umzugehen.

Sucht durch Schmerz

Jede Abhängigkeit oder Sucht entspringt einer unbewussten Weigerung, sich mit dem eigenen Schmerz auseinanderzusetzen und ihn durchzustehen. Jede Sucht beginnt mit Schmerz – und endet auch mit Schmerz.

Denn bei jeder Sucht kommt ein Punkt, an dem die Droge nicht mehr wirksam ist; dann spürt man den Schmerz noch intensiver als zuvor. Die Sucht verursacht diesen Schmerz und Kummer aber nicht ursprünglich: Sie fördert lediglich jenen Schmerz und jenen Kummer zutage, die bereits in einem sind.


In Wahrheit geht es bei Abhängigkeit also um diesen ursächlichen Schmerz, der auszublenden bzw. zu betäuben versucht wird.

Deshalb bringt Symptombehandlung auf Dauer nichts. Allein das Suchtverhalten zu drosseln, wird als Maßnahme der Suchthilfe nie ausreichen. Man muss die Wurzel des Kummers erforschen.

Meistens handelt es sich dabei um Bindungstraumatisierungen in der Kindheit, wie Gewalt, sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung durch nahe Bezugspersonen. Das innere Kind zu umsorgen und (endlich) in eine sichere Umwelt zu bringen, das ist das Ziel.


Das Beitragsbild stammt von quotefancy.com

Jelena, die Große

Eine der ruhelosen Seelen aus meinem Umfeld, die 2018 von der sterblichen Welt in eine andere weitergewandert sind.

Jelena habe ich Anfang 2013 über einen Freund kennengelernt, damals allerdings noch als „Niko(la)“. Wir besuchten sie im AKH auf der psychiatrischen Station, nachdem sie Opfer eines homo- bzw. transphoben Übergriffs geworden war. Ich interviewte sie zu dem Vorfall für die Lambda Nachrichten und lernte dabei einen Menschen kennen, der einen so arg selbstbewussten Eindruck auf mich machte, dass ich zu Beginn erstmal nur verschüchtert rumdrucksen konnte. Die ganze Situation war etwas verstörend: Mein erstes Interview, mein erster (Gast)Besuch in der Psychiatrie mit 16 Jahren, mein erster Kontakt zu einer transsexuellen Person… und dann diese Wucht an Selbstüberzeugung. Zumindest nach außen hin, mir gegenüber. Eine grandiose Erinnerung!

In den folgenden Jahren feierten wir oft und wild in den verschiedensten Lokalitäten miteinander. Da kam es schon auch vor, dass es für uns erst am nächsten Tag um 17 Uhr nachhause ging – oder dass ich mir mit Jelena einen Kampf mit einer leeren Sektflasche einbrockte.

Vergangenes Jahr nahm sich Jelena (vermeintlich) das Leben, weil sie Streit mit ihrer Familie hatte und sich Komplikationen bezüglich ihrer Hormontherapie ergaben. Ich hatte um den Zeitpunkt ihres Todes herum keinen Kontakt mit ihr – deshalb kenne ich die genauen Umstände nicht -, aber umso mehr macht man sich im Nachhinein Gedanken.

Danke für die vielen netten Erinnerungen.
Danke für die unzähligen „Lebensweisheiten“, liebe Jelena.

Suizid ist keine Lösung. Reden hilft!
Wiener Psychiatrische Soforthilfe: (01) 31 330
Österreichische Telefonseelsorge: 142

2013 im AKH