Versöhnung. Aussöhnung.

Niemand ist mehr an seine Eltern gekettet als ein Mensch, der sich von ihnen losgesagt und den Kontakt abgebrochen hat.

Als ich mit 16 Jahren von daheim in einer Nacht-und-Nebel-Aktion weglief, hatte ich innerlich mit der Vergangenheit abzuschließen versucht und wollte meine Eltern (Vater und Stiefmutter) quasi nie wieder sehen – so innerlich distanziert hatte ich mich von ihnen, so sehr war ich seelisch verletzt worden. Ich fühlte mich nicht wie ein Kind sich seinen Eltern gegenüber fühlen sollte: behütet, akzeptiert und geliebt.

So machte ich mich also auf in eine neue Welt und zog aus um ungelebte Freiheiten endlich auszuleben. Was ich dann wiederum leider extrem übertrieb – aber das habe ich bereits im vorherigen Blogbeitrag thematisiert.

Erst 2016/17 fand ich nach beinahe vier Jahren annähernder Funkstille wieder zurück zu ihnen. 2017 war ich auch sechs Wochen auf Reha, im Rahmen derer mir die psychologische Wichtigkeit der Aussöhnung mit den Eltern bewusst wurde. Anfang 2018 zog ich sogar wieder zurück zu ihnen (und meinem kleinen Bruder), wo ich deutlich merken konnte, dass mir doch noch ein paar Jahre in geschützter Umgebung unter den Fittichen von Bezugspersonen zu einer gesunden Entwicklung gefehlt hätten…

Meine Stiefmutter erkrante allerdings während meiner Abwesenheit an Krebs und litt ziemlich darunter. Recht bösartig und aggressiv wie er war, breitete er sich in ihrem Körper aus – Chemotherapien u.ä. ermöglichten ihr aber noch ein paar Jahre.

Ich bin sehr froh, dass ich ihr letztes Lebensjahr – sie starb zu Silvester 2018 – noch mit ihr teilen und mich mit ihr voll aussöhnen konnte. Durch diese Aussöhnung wurde ich viel gefestigter im Leben und ich bin im Nachhinein wirklich dankbar, dass sie stattgefunden hat. Erst am Ende merkt man oft, wie viel einem jemand bedeutet – soviel auch vorgefallen ist zwischen einander.

Auch mit meinem Vater bin ich inzwischen auf einer Ebene, die ein gutes Miteinander ermöglicht. Ich bin mittlerweile so weit, dass ich immer versuche das Handeln anderer nachzuvollziehen anstatt einfach zu verurteilen – sei ihr Handeln noch so arg auf den ersten Blick. Dahinter steckt doch meist selbst eine verletzte, traumatisierte Seele, die erst zu dem geworden ist, das diese argen Handlungen setzt.

Und so kann ich nahezu jedem vergeben, wenn auch ihre Taten nicht komplett vergessen.

Meine Biografie. Meine Motivation.

Seit Jahren engagiere ich mich leidenschaftlich politisch. Um meine dahinterstehende Motivation verständlich zu machen, möchte ich in diesem Beitrag bewusst sehr offen auf meine Herkunft bzw. Biografie eingehen.

Am 20. Mai 1996 bin ich als Sohn eines sehr streng erzogenen Softwareentwicklers und einer alkoholkranken Poetin in Stockerau, Niederösterreich, zur Welt gekommen. Meine Mutter nahm zum Zeitpunkt meiner Geburt bereits seit mindestens sieben Jahren Antidepressiva ein, konnte ihrer Flucht in den Alkohol aber leider nicht Meisterin werden – auch während der Schwangerschaft nicht. Auch wenn es sich bei mir um ein Wunschkind handelte, fiel sie nach meiner Geburt noch dazu in eine schwere postpartale Depression.

Im Jahr 2000 verstarb meine Mutter im Alkoholkoma. Nach einiger Zeit bei meinen Großeltern mütterlicherseits zog ich für über ein Jahr zu den Eltern meines Vaters. Diese Zeit bedeutete für mich viel Schönes, wie z.B. einen großen Garten und ein Aufwachsen am Land, aber auch eine strenge Erziehung.

Kurz vor meinem Volksschuleintritt zog ich in eine kleine sozialpädagogische Wohngemeinschaft für traumatisierte Kinder und Jugendliche in Enzesfeld-Lindabrunn, die „WG Kinderlachen“ von Andreas Hirtl. Meinen Vater und meine Großeltern bekam ich nur abwechselnd an den Wochenenden zu Gesicht. Während dieser Zeit versuchte sich mein Vater mit einer neuen Partnerin eine Zukunft in Eichgraben aufzubauen. Jene Frau hatte allerdings großen Hass gegen meine leibliche Mutter, den sie gegen mich richtete. Psychoterror, aber auch vereinzelte, bis heute sehr gut in Erinnerung bleibende körperliche Übergriffe, prägten meine Besuche dort.

Im Alter von sieben Jahren kam ich zurück zu meinem Vater nach Wien, der inzwischen eine neue Lebensgefährtin gefunden hatte. Nachdem er sie 2004 heiratete, wurde sie offiziell zu meiner Stiefmutter.

Rückwirkend betrachtet bin ich meiner Stiefmutter zutiefst dankbar für ihre damalige Bereitschaft, mich in ihr Leben aufzunehmen. In vielen Situationen, das ist mir heute bewusst, ist sie wie eine Löwin für mich eingestanden und hat für mich gesorgt. Andererseits war es auch für sie etwas komplett Neues, plötzlich ein Kind zu haben, das quasi schon „angeknackst“ und im Alter von sieben Jahren „geliefert“ wird.
Denn „angeknackst“ war ich bereits recht stark, das ist mir heute auch klar. Bereits in der Volksschulzeit zeigte ich z.B. starkes ADHS auf, immer suchte ich überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit sowie Bestätigung, ein Schwarz-Weiß-Denken und eine fehlende Impulskontrolle waren auch schon vorhanden.

Mit der Zeit wurde die Beziehung zu meinem Vater und meiner Stiefmutter schwieriger, 2005 kam dann mein Halbbruder zur Welt. Meine Eltern wurden mir gegenüber strenger, gelegentlich kam es zu Ausrutschern physischer Natur, ich kam in die Pubertät. Die Situation und unsere Patchwork-Family – aus der vorangegangenen Beziehung meines Vaters kam eine Halbschwester dazu – war sicherlich für alle Beteiligten nicht einfach. Als Kind bzw. Jugendlicher fühlte ich mich in meiner Haut und auch zuhause allerdings immer unwohler.
Als ich mich dann mit ca. 14 Jahren outete und meine Homosexualität offenbarte, die vor allem bei meinem Vater gar nicht gut ankam, wurden die Streits immer häufiger und ich rutschte in eine erste diagnostizierte Depression.

Im Alter von 16 Jahren entschied ich mich zur Flucht und packte meinen Koffer. In einer Herbstnacht wartete ich bis meine Eltern eingeschlafen waren und lief davon. Die erste Nacht verbrachte ich bei Regen im Rathauspark auf einer Parkbank, am nächsten Morgen machte ich mich mit seelischem Beistand einer Schulfreundin zum Krisenzentrum für Jugendliche in Wien-Simmering auf und verbrachte dort einen Monat in Obsorge des Jugendamtes. In Folge zog ich nach Verhandlungen mit meinem Vater zu meinen Großeltern mütterlicherseits und brach den Kontakt zur restlichen Familie ab.

Ein neues Leben begann für mich: Ich besuchte meine ersten Parties, ging aus, trank Alkohol – meine schulischen Erfolge rasselten dagegen in den Keller. Ich konnte mit den neugewonnenen Freiheiten nicht umgehen und versuchte nachzuholen, was ich aus meiner Sicht bis dahin verpasst hatte.
Nach dem Gymnasialbesuch der HIB 3 (Boerhaavegasse, 1030 Wien) hatte ich in der Oberstufe auf die BAKIP 8 (Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik, 1080 Wien) gewechselt – diese brach ich nun nach drei von fünf Jahren ab und startete stattdessen die Lehre zum Buchhändler & Einzelhandelskaufmann. Nach einem Jahr bei meinen Großeltern – ich war inzwischen 17 Jahre alt -, zog ich als Untermieter in eine Wohnung eines Bekannten und war fortan nahezu auf mich alleine gestellt. Ich tauchte in das schwule Nachtleben ein, engagierte mich stark bei der Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien und organisierte unter anderem den Wiener Regenbogenball und die Regenbogenparade mit. Mein Fortgehen nahm immer mehr Zeit in Anspruch und als sich schlussendlich zum Alkohol noch andere Substanzen wie Kokain gesellten, brach ich auch noch meine Ausbildung nach zwei Jahren ab.

Besonders zwischen 2014 und 2017 (18-21 Jahre) hatte ich mit großer Einsamkeit, fehlender Impulskontrolle und starken Depressionen zu kämpfen, die einen Teufelskreis befeuerten: Ich ging viel aus und versuchte die Einsamkeit sowie wohl die fehlende Liebe in meiner Kindheit, den tief sitzenden Schmerz (wie schon meine Mutter vor mir) mit diversen Substanzen zu verdrängen. Ich hatte kaum Freunde, dafür sehr viele oberflächliche Kontakte, hatte finanzielle Probleme und war sehr launisch. Vermutlich aus dem vielen Alkohol- und Drogenkonsum hervorgehend entwickelte ich noch dazu eine Panikstörung (Panikattacken), die mir zu schaffen machte.

Im Oktober 2016 fiel ich nach langem Feiern in eine starke Psychose und wurde via Rettung auf die psychiatrische Abteilung des Otto-Wagner-Spitals („Baumgartner Höhe“) eingeliefert. Mir wurde auf die Schnelle eine bipolare affektive Störung diagnostiziert und ich bekam nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt Medikamente mit auf den Weg. Zusätzlich besuchte ich fortan regelmäßig den Psychosozialen Dienst (PSD), wo mir eine Psychiaterin zu helfen versuchte.

Nachdem ich allerdings bis März 2017 noch zwei weitere Male (vermutlich lebensrettend) mit der Rettung auf die Baumgartner Höhe fuhr, entschied ich mich dazu, eine sechswöchige psychiatrische Reha zu besuchen. Im Klinikum Hollenburg wurde mir während dieser eine neue Diagnose umgehängt, in der ich mich tatsächlich auch selbst wiederfinde: Ich habe eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung, auch bekannt als Borderline.

Durch die Rehabilitation in Hollenburg sowie auch Literatur wie z.B. das Buch Borderline bewältigen von Heinz-Peter Röhr lernte ich mich und meine, mir über die Jahre durch traumatische Erfahrungen angeeigneten Abwehrmechanismen besser kennen.
Borderline ist eine sehr komplexe psychische Erkrankung, die leider nicht so einfach mit Medikamenten behandelt bzw. geheilt werden kann. Mit einer Kombination aus medikamentöser sowie Psychotherapie und Psychoedukation lässt es sich allerdings weitgehend gut mit ihr leben. Mit der Zeit habe ich einige Strategien entwickelt und kann heute teilweise präventiv handeln, um gewisse negative Aspekte der Erkrankung zu vermeiden.

Immer funktioniert das allerdings nicht. Erst kürzlich musste ich das wieder feststellen. Aber so ist das Leben – und nach einem Tief kommt auch immer wieder ein Hoch.


Was hat meine Biografie nun mit meiner politischen Motivation zu tun?

Unsere Erfahrungen prägen uns. Besonders die (frühkindlichen) Kindheitserlebnisse haben großen Einfluss auf das spätere Leben eines Menschen. Charakter und Persönlichkeit werden durch das Zusammenspiel von Genetik, eigenen Erfahrungen sowie Umwelteinflüssen wie Eltern, Erziehung u.ä. geformt.

Ich hatte eine sehr turbulente Kindheit, die ich als überwiegend eher unangenehm bezeichnen würde. Mit den Folgen der fehlenden Liebe und der Abwesenheit echter Bezugspersonen, zu denen ich Vertrauen aufbauen konnte, habe ich noch heute zu kämpfen – und werde ich wohl auch noch länger haben.

Gleichzeitig bin ich durch meine Erfahrungen aber zu jemanden herangewachsen, der einen sehr stark ausgeprägten Gemeinschafts- und Gerechtigkeitssinn sein Eigen nennen darf. Ich bin ein sehr sensibler Mensch und versuche mein Bestmögliches, die Entscheidungen und das Verhalten anderer nachzuvollziehen, bevor ich Urteile fälle. Empathie hat bei mir höchsten Stellenwert.

Zukünftigen und heranwachsenden Generationen möchte ich ähnliche Erfahrungen wie die meinen gerne ersparen. Und als Mitglied vermeintlicher Randgruppen wie LGBTIQ-Personen oder Menschen mit psychischen Erkrankungen kann ich Diskriminierungen oder Ungerechtigkeiten nicht mitansehen, Zivilcourage und Hilfsbereitschaft versuche ich zu leben.

Wenn ich mich für eine Sache engagiere, dann tue ich das mit voller Überzeugung – halbe Sachen gibt’s bei mir nicht: Ganz oder gar nicht! Meine ehrliche Motivation versuche ich immer sehr offen zu kommunizieren, Authentizität ist mir wichtig. Mir würde deshalb auch nie einfallen, mich selbst oder die Stationen meines Lebens zu verleugnen, selbst wenn es sich um (leider) strafrechtlich relevante Themen wie Drogenkonsum handelt.


Mehr Informationen über die Borderline-Persönlichkeitsstörung werde ich versuchen, in einem eigenen Beitrag zu vermitteln. Auch Erläuterungen zu politischen Standpunkten oder Themenbereichen – wie z.B. mein Eintreten für eine liberalere Drogenpolitik – werden noch folgen.

Das Beitragsbild wurde von Daniel Kleinfercher fotografiert.

Das letzte Einhorn

„Das letzte Einhorn“ (OT: „The Last Unicorn“) ist ein, für meine Begriffe legendärer Zeichentrickfilm aus dem Jahre 1982, der auf dem gleichnamigen Roman von Peter S. Beagle basiert. Man bekommt ihn alljährlich am 24. Dezember im TV zu sehen: Ein Märchen für (ältere) Kinder, das aber Erwachsene ebenso begeistert, da es doch wirklich viel zu bieten hat. Die Filmversion, übrigens im Original eingesprochen von Schauspielgrößen wie Christopher Lee, Angela Lansbury, Jeff Bridges und Mia Farrow, hält sich in den Dialogen oft haargenau an die Buchvorlage, die Story wurde jedoch um einige Aspekte gekürzt. Auch erwähnenswert: Die wirklich berührende Filmmusik stammt von der Band America – und die Animationen aus der Feder des Studios Topcraft, das sich später zum international bekannten Studio Ghibli („Chihiros Reise ins Zauberland“, „Das wandelnde Schloss“) entwickelte.

Worum geht es kurz zusammengefasst? (Achtung, Spoiler!) „Das letzte Einhorn“ ist die Geschichte eines Einhorns, das sich aufmacht, seine verschwundenen Artgenossen zu finden; ein Ungeheuer, der Rote Stier des König Haggard, hat sie aus der Welt vertrieben. Unterwegs tut sich das letzte Einhorn mit dem Jungzauberer Schmendrick und der Räubersbraut Molly Grue zusammen und wird zwischendurch zu seinem Schutz kurzfristig selbst in eine Menschenfrau verwandelt. Am Ende stellt es sich dem Stier im Kampf und bringt die Einhörner in die Welt zurück.

Trotz seiner teils kitschigen Bilder mutet der Film den kindlichen ZuseherInnen mitunter Einiges zu; bei mir hat sich das „Das letzte Einhorn“ rückblickend nicht nur in positiver Erinnerung eingeprägt, übertroffen nur von, für mich damals noch furchteinflößenderen Klassikern wie „Der dunkle Kristall“. Themen wie Tod, Einsamkeit und Depressionen werden behandelt, ebenso steckt der Film voller Einsichten über das Leben der Erwachsenen. So ziemlich alle Figuren kämpfen mit der Traurigkeit, König Haggard spricht es sogar aus: Nichts auf der Welt bereitet ihm mehr Freude!

Eine Figur berührt mich jedoch besonders: Molly Grue, die Räubersfrau, die im ersten Augenblick recht forsch und robust rüberkommt, sich dann aber doch als sehr sensible und empathische Persönlichkeit entpuppt. Im Buch kann man die Charaktertiefe noch viel besser ergründen, aber auch im Film erkennt man sie oberflächlich.

Molly: No, it can’t be. Can it be? Where have you been? Where have you been? Damn you! Where have you been?
Schmendrick: Don’t you talk to her that way!
Unicorn: I’m here now.
Molly: And where were you twenty years ago? Ten years ago? Where were you when I was new? When I was one of those innocent young maidens you always come to? How dare you! How dare you come to me now, when I am this!
[Weeps]
Schmendrick: Can you really see her? Do you know what she is?
Molly: If you had been waiting to see a unicorn, as long as I have…
Schmendrick: She’s the last unicorn in the world.
Molly: It would be the last unicorn that came to Molly Grue. It’s all right, I forgive you. 

Dialog im Film, als Molly Grue das erste Mal auf das letzte Einhorn trifft

Wenn man nun als Kind diese Stelle im Film sieht, dann bedeuten einem Mollys Worte nicht viel. Als Erwachsener aber, der schon viel gesehen hat im Leben, kommt man umso mehr auf deren Grund. Als Kind glaubt man noch an vieles, man sieht mit dem Herzen und hat Hoffnung an das Leben – erkennt nicht die Härte des Vorausliegenden. Wenn aber die Zeit vergeht und ein Tief nach dem anderen einschlägt, man zu kämpfen hat, dann verfliegt die so reine Sicht aufs Leben rasch und man verliert den Glauben. (an Einhörner?)
Molly trauert um das Leben, das sie hätte haben können. Vielleicht nicht unbedingt realistisch, was sie sich erträumt hatte, aber wohl besser, als das, was ihr tatsächlich widerfahren ist, zumindest bis zu dem Zeitpunkt des Treffens mit dem Einhorn. Sie fühlt sich „verbraucht“ – von Männern, von den Umständen, vom Leben? Ihre Unschuld ist fort und sie kann es nicht rückgängig machen. Also bündeln sich all ihr Schmerz und ihre Wut, als sie das Einhorn anschreit.

Aber Molly Grue ist auch voller Fürsorge und Gutherzigkeit. Sie treibt die Gefährten auf ihrer Quest an und stellt die eigenen Probleme hinten an, so viele sie auch hat. Sie ist Motivatorin und Mutmacherin, obwohl sie selbst nicht ohne Leiden ist. Molly beweist wahre Größe und Stärke: Sie ist die eigentliche Heldin der Story für mich.

Link zum Trailer

Das letzte Einhorn und Molly Grue

Die Bilder im Beitrag gehören Lions Gate Entertainment.

Professionelles Hilfsangebot bei psychischen Krisen

Services wie den Psychosozialen Dienst (PSD) Wien kann ich jedem empfehlen, dem es gerade psychisch nicht so gut geht und der Beratung, Hilfestellung und Unterstützung für schwer zu bewältigende Zeiten benötigt.

Auch die Wiener Krankenhäuser inklusive ihren psychiatrischen Ambulanzen und Stationen sind verlässliche und vertrauenswürdige Partner im Prozess der Gesundung. Sollte es einmal gar nicht mehr gehen, dann ist der Griff zum Telefon und die Wahl des Rettungsnotrufes 144 angesagt – ein stationärer Aufenthalt um die akuten Bedürfnisse zu befriedigen rettet Leben und ist nichts, wofür man sich schämen muss.

Ich freue mich, dass ich diesmal keinen dieser Schritte setzen muss(te), möchte aber das Angebot der Stadt Wien wirklich jedem ans Herz legen, der nicht mehr weiter weiß. Handelt es sich um keine dringliche Problematik, dann ist es vielleicht auch ausreichend, sich einen Termin bei einem Psychiater und/oder einem Psychotherapeuten auszumachen: Eine passende medikamentöse Einstellung sowie eine Gesprächstherapie können viel Gutes bewirken.

Das Anvertrauen an den engen Freundeskreis kann ähnlich befreiend wirken und dabei helfen, Lösungen zu finden oder professionelle Hilfe zu organisieren. Ich stelle mich hier übrigens ebenso einmal mehr zur Verfügung und biete mein offenes Ohr an!

Ansonsten:
PSD / Psychiatrische Soforthilfe —> 01 31330
Telefonseelsorge —> 142
Rat auf Draht —> 147
Rettung —> 144

Ich habe alle der angegebenen Nummern in der Vergangenheit bereits genutzt und kann nur Positives berichten. („Rat auf Draht“ ist ein Krisennotruf speziell für Kinder und Jugendliche; die Nummer des PSD gilt nur für Wien.)

Reden hilft.

Und mir hilft ganz besonders das Schreiben.

2017 war ich ja bereits auf Reha und dachte, dort weitgehend mit der Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Meine Panikattacken habe ich in Folge tatsächlich abgelegt. Ich hatte dafür zwar dafür die komplexe Diagnose „Borderline“ umgehängt bekommen, war aber auch mit mehreren Strategien auf einen guten Weg geschickt worden.

Leider ist das alles aber doch nicht ganz so einfach, das Leben ist fragil und der menschliche Körper und seine Psyche sind besonders komplex: Depressionen und antrainierte Abwehrmechanismen der Psyche können immer wieder auftauchen, so tief verwurzelt sind sie wohl.

Dass es die Möglichkeit des psychischen Krankenstandes gibt, ist sehr wichtig – nicht zuletzt aufgrund meines eigenes persönlichen Bezuges habe ich mich deswegen vor Kurzem sehr geärgert über die Pläne der Umgestaltung der Krankenstands-Regelungen. Ich spreche hier freiwillig öffentlich über meine psychische Thematik; anderen aufzuzwingen, dass sie ihre Krankheitsgeschichte dem Arbeitgeber gegenüber offenlegen müssen, das wäre allerdings fatal: Denn wie viele Chefs gibt es da draußen, die vorurteilend mit so etwas umgehen würden bzw. wo der Arbeitnehmer gemobbt werden würde? Zu unrecht, denn Menschen wie ich, das möchte ich mal so selbstsicher sagen, sind nicht weniger wert: Wir haben auch unsere besonderen Stärken.

Schon seit Langem ist mir Mental Health ein großes Anliegen, dem ich mich auch gerne politisch mehr widmen würde, wenn ich wieder fit bin. Mit meinen Offenlegungen und Berichten möchte ich das Tabu brechen und Betroffenen im Umfeld zeigen, dass sie nicht alleine sind. Psychische Probleme sind viel geläufiger als man vielleicht denkt – und trotzdem bringt das Thema noch sehr viel Stigmatisierung mit sich. Sehr gefreut habe ich mich deshalb über die vielen netten Kommentare und Nachrichten als Reaktion auf mein gestriges Posting.

Danke euch!

This is what depression looks like.

Kaum ist die Smalltalk-Frage „Wie geht‘s?“ im Alltag ausgesprochen, wandert der Fragenstellende schon weiter zum nächsten Gedanken. Eine ehrliche Antwort erwartet sich wohl kaum jemand, die oberflächliche Floskel ist nicht mehr als eine Höflichkeitsformel. Wie würde man auch mit einer ehrlichen Antwort umgehen? Ich selbst war ebenso schon perplex, wenn jemand mal etwas ausführlicher geantwortet und dem oberflächlichen Getue nicht auf den Leim gegangen ist. Im Nachhinein kamen Schuldgefühle und Scham in mir hoch – ich betrachte mich als sozialen Menschen und reflektiere mein Verhalten intensiv, bin aber von den Tücken, die ich in der heutigen Gesellschaft erkenne, auch nicht gefeit.
Trotzdem werde ich nicht aufgeben und weiterhin versuchen, es besser zu machen.

Denn auch ich selbst ärgere mich, wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, und ich mir dabei aber bewusst bin, dass sich der andere nicht die Zeit nehmen würde, mir zuzuhören. Das macht traurig.

Ich habe diverse eigene Problemchen schon öfters offen angesprochen auf diesem Medium: Seit meiner Jugend leide ich an Depressionen, so wie schon meine Mutter vor mir. Meine Entwicklung war geprägt von unschönen Erfahrungen. Ich dachte, ich hätte das alles 2017 in den Griff bekommen, über die letzten Monaten musste ich mir allerdings eingestehen, dass dem wohl nicht so ist. Wieder stärker werdend ist die Hypersensibilität sowie das Bedürfnis, den Kopf in den Sand zu stecken ob der übergroß erscheinenden Herausforderungen des Lebens und der so kleinen, eigenen Bedeutung.

Mir ist allerdings klar, dass es auch wieder aufwärts gehen wird. Das geht es immer! Nach einem Tief kommt ein Hoch – und umgekehrt. Mal geht das schneller, mal braucht halt es etwas länger.

Beim Samariterbund habe ich als Konklusion meiner aktuellen gesundheitlichen Verschlechterung nun um eine Auflösung des Dienstverhältnisses angesucht. Was mir nicht einfach gefallen ist, da ich diese Tätigkeit sehr, sehr gerne ausübe.

Depressionen sind tückisch und komplex. Schenken wir unseren Mitmenschen mehr Zeit und Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Liebe. Mitleid brauche ich keines, nur eine ernsthafte Auseinandersetzung und ein Fallenlassen von Vorurteilen und Tabus wäre angenehm.

Der unschätzbare Wert einer glücklichen Kindheit

Viele psychische Erkrankungen sind auf die Kindheit zurückzuführen, vor allem Bindungstraumatisierungen hinterlassen tiefe Narben. Besonders in den ersten fünf Lebensjahren ist ein Mensch seinem Umfeld komplett ausgeliefert. Enge Bezugspersonen wie z.B. die Eltern haben dabei den größten Einfluss auf das spätere Leben eines Kindes: Die Fürsorge, der Erziehungsstil und eigentlich das Gesamtbild der Eltern prägt das Kind und dessen Persönlichkeitsentwicklung stark.

Während sich ein psychisch gesundes Umfeld, soziale Kontakte und ein gutes Ersatzmilieu nach eventuellem Mutterverlust positiv auf das spätere Leben auswirken, gelten eine gewaltvolle, disharmonische Umgebung, Abwesenheit von engen Bezugspersonen und Reizentzug als gesicherte Risikofaktoren für eine gestörte Entwicklung.

Bei Körperkontakt schütten Säuglinge Endorphine aus – werden sie nach der Geburt allerdings von ihren Müttern getrennt, so regt das die Ausschüttung von Stresshormonen an: Gift für die Entwicklung des noch unreifen Gehirns! Besteht ein solcher Mangel an Körperkontakt über längere Zeit, so hat das nämlich tatsächlich biologische Dysfunktionen zur Folge. Die rechte Hirnhälfte ist vermutlich besonders betroffen, was später Beeinträchtigungen in der Affektregulation, in der Stressbewältigung und im Bindungsverhalten haben kann.

Kinder, die frühkindlich zwar körperlich umsorgt, denen aber dauerhaft jegliche Liebe und soziale Kontakte vorenthalten werden, entwickeln relativ rasch eine Deprivationsstörung („Hospitalismus“) und büßen oft soziale, aber auch intellektuelle Fähigkeiten ein – teils irreversibel. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist Kaspar Hauser:

Dabei handelt es sich um einen Jungen, der Anfang des 19. Jahrhunderts in Nürnberg verstört, völlig verwahrlost und offenbar geistig zurückgeblieben aufgefunden wurde: Er war zu dem Zeitpunkt etwa 16 Jahre alt und konnte weder lesen noch schreiben, auch das Sprechen bereitete ihm Mühe. Von diesem Jungen wurde erzählt, dass er sein ganzes Leben lang im Dunkeln bei Wasser und Brot im Keller eingesperrt gelebt hatte.

Über das Erwähnte hinaus haben natürlich aktiver psychischer und/oder sexueller Missbrauch sowie körperliche Gewalt extremste Schäden für die Psyche zur Folge, besonders wenn es sich bei den TäterInnen um Nahestehende handelt. Einmalige Erfahrungen können dabei noch besser weggesteckt werden als das anhaltende Erleben traumatisierender Ereignisse. Betroffene von Kindheitstraumata entwickeln vermehrt gesundheitliche Risiko-Verhaltensweisen (z.B. überdurchschnittlicher Alkohol- bzw. Drogenkonsum) und leiden später häufiger an komplexen Persönlichkeitsstörungen wie Borderline.

Was ich vermitteln möchte:
Liebe und Aufmerksamkeit bzw. insgesamt ein harmonisches Umfeld sind für eine gesunde psychische Entwicklung unersetzbar. Leider ist unser schnelllebiges und auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtetes System da nicht unbedingt förderlich. Aber wir müssen uns dieser enormen Verantwortung über das spätere Leben unserer Kinder unbedingt bewusst sein, denn Menschenleben sind zu wertvoll, um sorglos mit ihnen umzugehen.

Sucht durch Schmerz

Jede Abhängigkeit oder Sucht entspringt einer unbewussten Weigerung, sich mit dem eigenen Schmerz auseinanderzusetzen und ihn durchzustehen. Jede Sucht beginnt mit Schmerz – und endet auch mit Schmerz.

Denn bei jeder Sucht kommt ein Punkt, an dem die Droge nicht mehr wirksam ist; dann spürt man den Schmerz noch intensiver als zuvor. Die Sucht verursacht diesen Schmerz und Kummer aber nicht ursprünglich: Sie fördert lediglich jenen Schmerz und jenen Kummer zutage, die bereits in einem sind.


In Wahrheit geht es bei Abhängigkeit also um diesen ursächlichen Schmerz, der auszublenden bzw. zu betäuben versucht wird.

Deshalb bringt Symptombehandlung auf Dauer nichts. Allein das Suchtverhalten zu drosseln, wird als Maßnahme der Suchthilfe nie ausreichen. Man muss die Wurzel des Kummers erforschen.

Meistens handelt es sich dabei um Bindungstraumatisierungen in der Kindheit, wie Gewalt, sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung durch nahe Bezugspersonen. Das innere Kind zu umsorgen und (endlich) in eine sichere Umwelt zu bringen, das ist das Ziel.


Das Beitragsbild stammt von quotefancy.com

The Greatest Teacher Failure is

Luke: Master Yoda.
Yoda: Young Skywalker.
Luke: I’m ending all of this. The tree, the texts, the Jedi. I’m gonna burn it down.
Yoda: Ah, Skywalker. Missed you, have I.
Luke: So it is time for the Jedi Order to end.
Yoda: Time, it is… For you to look past a pile of old books, hmm?
Luke: The sacred Jedi texts.
Yoda: Oh. Read them, have you? Page-turners, they were not. Yes, yes, yes. Wisdom, they held, but that library contained nothing that the girl Rey does not already possess. Ah, Skywalker… still looking to the horizon. Never here. Now, hmm? The need in front of your nose.
Luke: I was weak. Unwise.
Yoda: Lost Ben Solo, you did. Lose Rey, we must not.
Luke: I can’t be what she needs me to be.
Yoda: Heeded my words not, did you? „Pass on what you have learned.“ Strength, mastery, hmm… But weakness, folly, failure also. Yes, failure most of all. The greatest teacher, failure is. Luke, we are what they grow beyond. That is the true burden of all masters.

Dialog zwischen Luke Skywalker und Yoda in „Star Wars: The Last Jedi“

Diese Konversation zwischen dem Jedi-Großmeister Yoda und seinem ehemaligen Schüler Luke Skywalker fasziniert mich.

Es ist zwar ein tolles Gefühl, zu gewinnen, aber lernen können wir in Wahrheit aus unseren Fehlern (und den Fehlern anderer) viel mehr. Tatsächlich sollten wir immer mental darauf vorbereitet sein, zu scheitern. Denn Fehler bieten sich uns als große Gelegenheit an: Um zu analysieren, was schief gelaufen ist und um aus ihnen zu profitieren. Ohne im Leben negative Erfahrungen zu sammeln lernen wir nicht dazu.



Im Rahmen einer kurzen Recherche zu dem Thema ist mir folgendes Beispiel aus der realen Geschichte untergekommen:

Während des 2. Weltkrieges existierte in den USA die “Statistical Research Group”. Diese Forschergruppe hatte zum Ziel, die Kriegsbemühungen der USA zu unterstützen, indem mathematische und statistische Probleme gelöst werden. Ein Mitglied dieser Gruppe, der Statistiker Adam Wald, widmete sich dem Problem, dass zu viele Kampfflugzeuge bei Einsätzen abgeschossen wurden.

Die gängige Strategie, um Kampfflugzeuge widerstandsfähiger zu machen, war, zu untersuchen, wo die zurückkehrenden Kampfflugzeuge Einschusslöcher hatten; an diesen Stellen wurden die Kampfflugzeuge dann zusätzlich verstärkt. Diese Strategie erwies sich aber als wenig wirksam.
Im Laufe seiner Analyse hatte Adam Wald eine wichtige Einsicht: Bei der gängigen Strategie wurden die Kampfflugzeuge, welche nicht überlebt hatten, komplett ignoriert. Wenn man die zerstörten Kampfflugzeuge mitbedachte, zeigte sich in logischer Hinsicht ein ganz anderes Bild: Das Problem wären eher jene Stellen, an denen die zurückkehrenden Flugzeuge keine Einschusslöcher hatten.

Beispielgrafik für Einschusslöcher bei rückkehrenden US-Kampfflugzeugen im 2. Weltkrieg (Bildquelle)

Die rückkehrenden Flugzeuge kehrten ja immerhin trotz der vorhandenen Einschusslöcher zurück. Die zerstörten Flugzeuge hätten, logisch gesehen, dementsprechend sehr wahrscheinlich auch überlebt, wenn sie an den gleichen Stellen wieder Beschuss erlitten hätten. Es war also viel wahrscheinlicher, dass die zerstörten Flugzeuge an den anderen, restlichen Stellen Beschuss erlitten hatten als die zurückkehrenden.
Darum schlug Adam Wald einen ausschlaggebenden Strategiewechsel vor: Die Flugzeuge sollten dort verstärkt werden, wo die zurückkehrenden Flugzeuge keine Einschusslöcher hatten. Mit seiner Schlussfolgerung hatte Wald durchschlagenden Erfolg.

Dieses Vorkommnis gilt als prominentestes Beispiel für den „Survivorship Bias“ („Überlebensirrtum“). Da erfolgreiche „Überlebende“ im Alltag eine größere Sichtbarkeit erzeugen als erfolglose „Verstorbene“, neigt man systematisch dazu, die Erfolgsaussichten zu überschätzen.

Achten wir im Alltag also lieber auf die weniger gut gestellten, weniger glänzenden Glieder in der Kette, orientieren wir uns an den Minderheiten der Gesellschaft und den sozial Schwachen, dann haben wir insgesamt mehr Aussicht auf dauerhaften Erfolg.


Das Copyright zum Beitragsbild liegt bei Lucasfilm / Disney.

Die Psyche von Anakin Skywalker

In diesem Beitrag geht es um den Star Wars-Charakter Anakin Skywalker, auch bekannt als Darth Vader. Zum Verständnis des Inhalts ist Kenntnis über die Filmhandlung Voraussetzung. Die Betrachtungen spiegeln meine persönliche Auffassung wider, basierend auf meinem Verständnis der menschlichen Natur.

Um die Aussage dieses Artikels kurz auf den Punkt zu bringen: Ich denke, Anakin Skywalker war niemals wirklich ein böser Charakter. Selbst als später furchteinflößende Figur Darth Vader würde ich ihn nicht als „böse“ – vor allem nicht im Sinne von „schlecht“ – bezeichnen. Da denke ich eher an die Figur des Imperators Palpatine, bei ihm passt die Beschreibung wie die Faust aufs Auge. Darth Vader hat sicherlich in vielerlei Hinsicht grausam gehandelt und Schreckliches getan – allerdings nicht aus böser Absicht heraus. Ich führe aus:

Anakin Skywalker begegnet uns das erste Mal in Episode I. Wir sehen ihn als unschuldigen Jungen mit großem Potential. Sein ganzes Leben verbrachte er bisher als Sklave auf dem Wüstenplaneten Tatooine. Er ist so aufgewachsen und hat sich daran gewöhnt, aber dieses Leben entspricht auch nicht seiner Wunschvorstellung. Er hat eine gute Beziehung zu seiner Mutter Shmi. In seinem Wesen ist er fürsorglich, kämpferisch und couragiert – allesamt große Eigenschaften.
Wenn wir den jungen „Ani“ betrachten, würden wir von ihm keine Grausamkeiten erwarten. Abgesehen von dieser kurzen Skizzierung lernen wir nicht viel mehr über seine Psyche in Episode I.

In Episode II nimmt er dafür umso mehr Gestalt an, wir bekommen ein schärferes Bild von ihm vermittelt – es sind auch immerhin 10 Jahre vergangen seit der Handlung des vorherigen Films. Als Teenager unterläuft Anakin einem großen inneren Wachstum, vor allem in seiner Emotionalität tut sich Einiges. Vom ersten Moment an, als er Padme traf, waren seine Gedanken permanent bei ihr – im Verlauf dieser Episode bekommt er nun die Gelegenheit auch physisch bei ihr zu sein und Zeit mit ihr alleine zu verbringen. Große Gefühle entstehen dabei, eine starke Verbindung entwickelt sich zwischen den beiden – die noch viel bewirken und ausschlaggebend sein wird auf die folgenden Jahre.
Wir können auch beobachten, wie die Sehnsucht nach seiner Mutter Anakin mitnimmt, seine Gefühle reißen ihn hin und her. Aufgrund Visionen von Shmis Leiden kehrt er deshalb nach Jahren zu ihr zurück nach Tatooine, nur um sie pünktlich zu ihrem Versterben zu erreichen.

Am Boden zerstört, das ist er jetzt – als würde die ganze Welt in seine Armen zusammenbrechen, und er kann nichts dagegen tun. Schnell wandelt sich seine Verzweiflung in große Wut um, gerichtet gegen jene, die seiner Mutter soviel Leid und Schmerzen bereitet haben – und nicht zuletzt ihm auch, durch diesen seinen Verlust. Also tut er, was so viele andere an seiner Stelle auch tun würden, er gerät in Rage und übt Rache: Er tötet jeden einzelnen Tusken-Räuber im Camp.
Zählt das als böser, grausamer Akt? Oder ist es eine nachvollziehbare Handlung des Instinkts? Der Akt des Tötens aufgrund des Tötens an sich ist klar als grundböse zu deklarieren. Aber hier steht etwas anderes im Vordergrund meine ich – er tötet, weil er keinen anderen Ausweg sieht, mit der Situation umzugehen. Macht ihn das als Person böse? Ich denke nein. Wir können in diesen Momenten des Films gut erkennen, wie sehr er von seinen Emotionen getrieben wird im Leben, wie stark diese seine Entscheidungen beeinflussen – und vor allem: Wie viel Einfluss seine Gefühle und persönlichen Beziehungen zu anderen auf seine Handlungen haben, jegliche Rationalität geht ihm verloren, wenn er seine Liebsten leiden sieht.

In Episode III vollzieht sich die echte Transformation von Anakin Skywalker zu Darth Vader. Diese Wandlung passiert aber nicht von heute auf morgen. Sie begann schon früh, als der junge Ani von Zuhause auszog und Abschied von seiner Mutter nahm, um Jedi zu werden. Zu Darth Vader zu werden ist sicherlich nicht angenehm und vor allem hat er dies wohl nicht als bewusste Entscheidung im Hinterkopf, als er Palpatine vor Mace Windu rettet. Nein, Anakins Erlebnisse und sein psychischer Werdegang seit seiner Kindheit schon, sind es, die ihn langsam kontinuierlich weiter zur dunklen Seite der Macht zogen. Von der Gesellschaft gemeinhin als „böse Menschen“ betrachtete Individuen entwickeln sich zu dem, was sie sind, oftmals erst über nur einen ewig langen Prozess, eine Zeitleiste voller einschneidender Erlebnisse, die den Charakter formen und abkapseln, und zu dem machen, was wir später fürchten und verachten.
Den gesamten dritten Teil über sehen wir nicht nur Anakins große Sorge um Padme, sondern wir sehen auch Palpatine, der anfangs ganz sanft, dann aber immer intensiver manipulierend einwirkt auf den ohnehin schon Zerrissenen. Palpatine hat einen klaren Plan und für den braucht er die volle Kontrolle über Anakin. Dieser hat seine Mutter verloren und sieht dafür die Schuld bei sich, weil er nicht in der Lage war sie zu retten… er, der doch größter Jedi aller Zeiten werden möchte. Auf keinen Fall würde er nun auch noch Padme verlieren, das würde er nicht zulassen. Wie verführerisch muss also Palpatines ausgestreckte Hand sein, die in ihm die Hoffnung nährt, ihren Tod verhindern zu können? Wenn du etwas so sehr möchtest, dass dir jedes Mittel recht ist, es zu erreichen: Ich denke, sehr viele können den getriebenen Anakin da verstehen.
Als er zu Darth Vader wird, ist sein Hauptgedanke sicherlich, dass er damit Padme retten kann. Das ist inzwischen sein einziges Ziel und so beginnt er Palpatines Befehle ohne zu Zögern auszuführen… alles aus Liebe heraus. Das Abschlachten der Jedi im Tempel, das Töten der Jünglinge, die zuvor noch zu ihm um Rat aufschauen – keine Frage, fürchterliche, grausame Taten. Aber er tut dies nicht aus böser Absicht heraus, seine Intention ist keine grundböse. Er ist blind vor Liebe, blind vor Verzweiflung, gehorchend der einzigen Person, von der er denkt, sie könne ihm dabei helfen, jene zu retten, die er über alles in der Welt liebt. Wie viele von uns würden alles tun um unsere Liebsten zu schützen? Ich möchte damit nicht sagen, dass ich selbst anderen Menschen das Leben nehmen würde. Aber ich erkenne in Anakin das ursächlich Gute und sehe in seinen Taten menschlich nachvollziehbares Verhalten.

Zurückkehrend zur Geschichte springen wir zum Kampf zwischen Vader und Obi-Wan. Vader hasst Obi-Wan am Ende der dritten Episode, denn er glaubt in ihm einen neuen Feind gewonnen zu haben, der ihm seine geliebte Padme wegnehmen möchte. Als er Obi-Wan die Worte „Ich hasse dich“ entgegenwirft, kommen diese aus einem Hort extremsten, emotionalen Schmerzes und größter Verwirrung.
Kurz danach sehen wir in Palpatine wieder die Ausgeburt des echten Bösen. Nachdem er Vader zu sich holt und in seinen Anzug steckt, präsentiert er ihm eine knallharte Offenbarung: Padme ist tot – und Vader selbst soll die Schuld daran tragen. Ein verzweifelter Gefühlsausbruch ist die Folge… Vader schreit, lässt den Raum durch die Macht erbeben und wir sehen: Palpatine lächelt genüsslich. Denn er hat sein Ziel erreicht. Er hat seinen Griff um eines der stärksten Player im Universum gesichert, somit hat er selbst nun die Macht all seine Pläne zu verwirklichen. Er genießt den Verlust Vaders, er lacht beim Gedanken daran, dass so viele ihr Leben gelassen haben für seinen Sieg. Das ist durch und durch böse und schlecht, Palpatines Intentionen waren nie gut.
Und eine weitere Transformation geschieht in Vader… er hat alles verloren, das ihm lieb ist: Seine Frau, seine Freunde und sein Leben als Jedi. Alles, was er kennt und was ihm etwas bedeutet ist weg. Und er denkt: Alles, was ihm bleibt, ist Palpatine – der Mann, der von Anfang an immer da war für ihn. Das war der letzte Schritt zur vollkommenen Wandlung von Anakin Skywalker zu Darth Vader – jegliche Bindung zum alten Leben ist gebrochen. Nicht jemand, der in seiner Persönlichkeit Böses in sich trägt, aber der loyal ist zur einzigen Bezugsperson, die er noch hat.

Episode IV: Darth Vader präsentiert sich als ultimativer Schurke – er jagt Rebellen, droht seinen Untergebenen bei Ungehorsam oder Zweifel an seiner Macht und setzt die Anweisungen seines Imperators mit großer Härte durch. Darth Vader ist inzwischen zu jemanden geworden, der gar nicht mehr zurückdenkt an sein altes Leben als Anakin Skywalker. Er ist seit so langer Zeit schon die Puppe des Imperators, die rechte Hand Palpatines, seine Identität umfasst nichts anderes mehr. Ein winziger Funken alter Erinnerungen flackert wohl auf, als er gegen Ben Kenobi kämpft, aber es ist nicht einmal mehr genug, um ihn nur ein bisschen emotional aufzuwühlen.
Als er allerdings gegen Ende des Filmes eine andere Präsenz zu bemerken beginnt – er spürt Luke Skywalker – da regt sich nach langer, langer Zeit wieder etwas in ihm.

In großen Schritten verändert sich etwas in ihm in Episode V: Darth Vaders oberstes Ziel ist es nun, Luke aufzuspüren. Seit er herausgefunden hat, dass Luke am Leben ist, beginnt er sich ein wenig an seine Zeit als Anakin zurückzuerinnern. Er nimmt Gefühle in sich wahr, die er schon lange nicht mehr gespürt hat. Er hat einen Sohn… einen Sohn, von dem er dachte, dass dieser mit Padme mitverstorben wäre. Er verfügt wieder über eine emotionale Verbindung zu jemanden. Allein aufgrund der Tatsache, dass es sich dabei um seinen Sohn handelt.
Und als die zwei endlich aufeinander treffen, da denkt Vader nicht daran Luke zu töten. Auch, wenn sein Meister das von ihm verlangt: Vader hat schon so viele Jedi getötet, aber bei diesem Jungen hier kann er nicht anders als zu zögern. Statt ihn hinzustrecken, was er einfach vollbracht hätte, da Luke noch zu unerfahren war, bietet er ihm eine Chance an, streckt ihm die Hand aus, wie einst Palpatine es ihm selbst gegenüber getan hatte – diesmal aber handelt es sich um ein Angebot aus Zuneigung heraus, nicht um einen kaltblütigen Plan. Er möchte seinem Sohn die Gelegenheit geben, sich ihm anzuschließen in der einzigen Sache, die er anzubieten hat: Die dunkle Seite der Macht. Ein Sith-Lord zu sein ist alles, was Vader mittlerweile kennt, also bietet er dies auch seinem Kind an.
An diesem Punkt ist Luke meiner Meinung nach ziemlich am Boden zerstört über die Neuigkeit, die sich ihm da offenbart, wer sein Vater ist. Aber als er länger darüber nachdenkt, erkennt er, dass auch Vader selbst zu sehen beginnt, dass dieser vielleicht nicht die böse Figur ist, die er zu sein scheint – oder auch vorgibt zu sein. Nach und nach kommen sehr kleine Puzzleteile des alten Anakins zum Vorschein. Denn wie der Prozess der Entwicklung zu Darth Vader viel Zeit und große Emotionen brauchte, so beginnt auch die Wandlung zurück zu Anakin Skywalker nur sehr langsam und in kleinen Schritten.

Am Ende der alten Saga, in Episode VI, können wir die endgültige Wandlung von Darth Vader zurück zu Anakin Skywalker, jenem guten Charakter, den wir vom Anfang her kennen, mitverfolgen. Vader wird von Palpatine angewiesen, Luke einzufangen und zu ihm zu bringen, aber Vader hat wohl seine ganz eigenen Motive dies zu tun. Er beginnt Gefühle der väterlichen Liebe für Luke zu empfinden. Trotzdem versucht er weiterhin zu verleugnen, dass sein früherer Namen Anakin Skywalker eine Bedeutung für ihn hätte. Denn: Veränderung ist schwierig. Wie sollte er von seinem Dasein als gefürchteter Sith-Lord der dunklen Seite der Macht übergehen zu einer väterlichen Rolle? Ein unmöglicher Seitenwechsel. Höchstwahrscheinlich versucht Vader jegliche Gefühle zu verstecken, vor der Außenwelt genauso wie vor sich selbst, denn auch ihm waren sie eine lange Zeit fremd gewesen.

Der Schlusskampf zwischen Vader und Luke stellt den großen Wendepunkt dar. Wir sehen einmal mehr wie der Imperator versucht zu manipulieren und Luke von der dunklen Seite der Macht zu überzeugen… nicht aus Zuneigung Luke gegenüber, sondern weil er weiß, dass Vader alt wird und er bald jemand Neuen brauchen würde an seiner Seite als seinen Vollstrecker.
Als nun Vater und Sohn gegeneinander kämpfen, wird Erster sich eines weiteren Kindes bewusst: Vader hat eine Tochter. Eine Offenbarung, die ihn durchdringt wie ein Blitz: Er hat nicht nur ein, sondern sogar zwei Kinder! Zwei Verbindungen zu seiner verlorenen Liebe Padme. Die Gefühle überrollen ihn und es wird immer schwieriger für ihn gegen sie anzukämpfen.
Palpatine und seine Manipulationen waren es, die Vader enorme Macht brachten – und ihn aber letztendlich auch vernichten. Wir sehen wie der Imperator Luke foltert , nachdem dieser sich der dunklen Seite verwehrt. Wir hören die Hilfeschreie von Luke: „Vater, bitte!“ Und trotz seiner starren Maske erkennen wir in diesen Momenten den großen inneren Konflikt in Darth Vader… Soll er weiter der loyale Diener dieses Mannes bleiben, der immer da war für ihn? Oder soll er demjenigen helfen, der Teil seiner selbst ist, ein Teil von Padme, die er so sehr liebte?
Vader unterging so vieler innerer Veränderungen seit seinem ersten Herausfinden über Luke. An diesem finalen Punkt ist es nun aber soweit: Darth Vader existiert nicht mehr. Anakin Skywalker hebt den Imperator hoch und wirft ihn in den Tod. Die Wandlung zurück zum eigentlichen Selbst ist abgeschlossen.

Es war ein langer, holpriger Weg, auf dem viel Schlimmes passiert ist. Aber trotz dieser Fehler war Darth Vader nie ein wirklich böser Charakter. Er war nie getrieben von bösen Hintergedanken oder geizigen Machtgelüsten. Seine Motivation waren immer nur Liebe und Loyalität. Und dieses Gute in ihm ist es schlussendlich auch, das ihn wieder zurück zur hellen Seite bringt, um doch noch ein allerletztes Mal Glück empfinden zu können.

Grafik von http://www.quotereel.com

Das großartige Beitragsbild – der Header – stammt von Luca Merli.