Der dunkle Kristall

Im vorherigen Beitrag schnitt ich kurz die furchteinflößende Wirkung des Filmes „Der dunkle Kristall“ an, die er auf mich in meiner Kindheit hatte. Bereits 1982 erschienen handelt es sich dabei um den ersten Live-Action-Spielfilm, in dem ausschließlich Puppen in der Handlung zu sehen sind. Kreiert wurde er von den Muppets-Erfindern Jim Henson und Franz Oz. Zweiterer lenkte auch die weltbekannte Figur des Yoda aus Star Wars.
Nun kam 2019 eine Prequel-Serie heraus, die auch auf Netflix verfügbar ist. Einige Folgen davon habe ich mir nach meiner gestrigen Entdeckung bereits gegeben.

Meine Großeltern väterlicherseits, bei denen ich zum Teil aufwuchs, hatten daheim einen großen Schrank voller VHS-Kassetten mit aufgenommenen Filmen. Ab und zu setzen wir uns am Abend gemeinsam vor den Fernseher um uns einen Streifen anzusehen. Diese Abende habe ich heute noch in schöner Erinnerung.
Es gab aber auch Filme, die mich eher schaudern ließen – so einer war dieser hier: „Der dunkle Kristall“ hat gleichermaßen Faszination wie Angst in mir ausgelöst. Die dunkle Welt ohne Menschen, aber mit genug anderen schaurigen Gestalten darin ist nicht ohne für ein Kind. Rückwirkend betrachtet hätte ich mir das selbst auch nicht zugemutet, vor allem, da ich ohnehin schon unter regelmäßigen Albträumen litt.

Allen Erwachsenen hingegen kann ich den ursprünglichen Kultfilm nur wärmstens ans Herz legen, für seine Zeit stellte er ein Meisterwerk dar. Aber auch prominent besetzt war er: u.a. Sigourney Weaver und Helena Bonham-Carter liehen den Puppen ihre Stimmen. Die Handlung ist mitunter inspiriert von alten, düsteren Grimm-Märchen, dem Designer der Charaktere kamen seine Ideen dagegen z.B. beim Hummer-Essen.

Den Originalfilm lasse ich hier mit der Story mal außen vor, auf die aktuelle Serie möchte ich jedoch noch etwas eingehen:

Worum geht es kurz zusammengefasst? (Achtung, Spoiler!) „Der dunkle Kristall“ und die Prequel-Serie „Ära des Widerstands“ spielen in der Welt Thra – und die liegt im Sterben. Die Balance ist aus dem Gleichgewicht geraten und „die Verdüsterung“ droht das Leben auf dem Planeten zu verschlingen. Die Skekse, große greifvogelartige Kreaturen, die von der weisen Naturmutter Aughra vor Ewigkeiten damit beauftragt wurden, den namensgebenden Kristall der Wahrheit, Sinnbild für alles Leben auf Thra, zu bewachen, stecken dahinter. Sie vertuschen den Verfall der Welt jedoch vor ihren treu ergebenen Verbündeten, den Gelflingen, und versuchen sich stattdessen ewiges Leben zu verschaffen, indem sie mithilfe des Kristalls anderen deren Lebensessenz aussaugen.
Der Gelfling-Soldat Rian kommt ihnen jedoch auf die Spuren, woraufhin er gejagt wird, er es aber schafft, ein paar MitstreiterInnen im Kampf Gut gegen Böse zu finden…

In der Serie spricht meine persönliche Schauspiellegende Mark Hamill (aka Luke Skywalker aus Star Wars) eine Rolle – die des Gelehrten SkekTek -, außerdem sind Taron Egerton und Donna Kimball mit dabei. Auf CGI wird bewusst verzichtet, das Design der Puppen wurde 1:1 übernommen: wunderbar hässlich würde ich meinen. Die Prequel-Serie erweitert das Universum des Hauptfilms sehr positiv und verleiht den darin vertretenen Lebewesen mehr Tiefe und Hintergrund, das gefällt mir. Bei den Gelflingen muss ich ein wenig an die Hobbits aus Herr der Ringe denken, auch sie beweisen trotz ihrer geringeren Körpergröße großen Mut und Durchsetzungsvermögen – und stellen sich im Rahmen einer großen Abenteuerreise gegen die Unterdrücker von oben.

Zu Beginn, gerade wenn man den ursprünglichen Spielfilm von 1982 nicht kennt, mag einem das Ganze etwas befremdlich vorkommen. Bleibt man jedoch standhaft und lässt die Figuren auf einen wirken, dann taucht man schon bald in eine interessante Fantasywelt ein, die einige poetische und mystische Momente zu bieten hat. Ganz ohne Albträume hoffentlich.

Wish not for treasures you can hold
No gleaming jewels, bright and cold
For finer still than pearl or gold
The treasure of a tale well told.

Gedicht der Gelflinge

Link zum Trailer des Hauptfilms
Link zum Trailer der Prequel-Serie

Bild: Netflix

Das letzte Einhorn

„Das letzte Einhorn“ (OT: „The Last Unicorn“) ist ein, für meine Begriffe legendärer Zeichentrickfilm aus dem Jahre 1982, der auf dem gleichnamigen Roman von Peter S. Beagle basiert. Man bekommt ihn alljährlich am 24. Dezember im TV zu sehen: Ein Märchen für (ältere) Kinder, das aber Erwachsene ebenso begeistert, da es doch wirklich viel zu bieten hat. Die Filmversion, übrigens im Original eingesprochen von Schauspielgrößen wie Christopher Lee, Angela Lansbury, Jeff Bridges und Mia Farrow, hält sich in den Dialogen oft haargenau an die Buchvorlage, die Story wurde jedoch um einige Aspekte gekürzt. Auch erwähnenswert: Die wirklich berührende Filmmusik stammt von der Band America – und die Animationen aus der Feder des Studios Topcraft, das sich später zum international bekannten Studio Ghibli („Chihiros Reise ins Zauberland“, „Das wandelnde Schloss“) entwickelte.

Worum geht es kurz zusammengefasst? (Achtung, Spoiler!) „Das letzte Einhorn“ ist die Geschichte eines Einhorns, das sich aufmacht, seine verschwundenen Artgenossen zu finden; ein Ungeheuer, der Rote Stier des König Haggard, hat sie aus der Welt vertrieben. Unterwegs tut sich das letzte Einhorn mit dem Jungzauberer Schmendrick und der Räubersbraut Molly Grue zusammen und wird zwischendurch zu seinem Schutz kurzfristig selbst in eine Menschenfrau verwandelt. Am Ende stellt es sich dem Stier im Kampf und bringt die Einhörner in die Welt zurück.

Trotz seiner teils kitschigen Bilder mutet der Film den kindlichen ZuseherInnen mitunter Einiges zu; bei mir hat sich das „Das letzte Einhorn“ rückblickend nicht nur in positiver Erinnerung eingeprägt, übertroffen nur von, für mich damals noch furchteinflößenderen Klassikern wie „Der dunkle Kristall“. Themen wie Tod, Einsamkeit und Depressionen werden behandelt, ebenso steckt der Film voller Einsichten über das Leben der Erwachsenen. So ziemlich alle Figuren kämpfen mit der Traurigkeit, König Haggard spricht es sogar aus: Nichts auf der Welt bereitet ihm mehr Freude!

Eine Figur berührt mich jedoch besonders: Molly Grue, die Räubersfrau, die im ersten Augenblick recht forsch und robust rüberkommt, sich dann aber doch als sehr sensible und empathische Persönlichkeit entpuppt. Im Buch kann man die Charaktertiefe noch viel besser ergründen, aber auch im Film erkennt man sie oberflächlich.

Molly: No, it can’t be. Can it be? Where have you been? Where have you been? Damn you! Where have you been?
Schmendrick: Don’t you talk to her that way!
Unicorn: I’m here now.
Molly: And where were you twenty years ago? Ten years ago? Where were you when I was new? When I was one of those innocent young maidens you always come to? How dare you! How dare you come to me now, when I am this!
[Weeps]
Schmendrick: Can you really see her? Do you know what she is?
Molly: If you had been waiting to see a unicorn, as long as I have…
Schmendrick: She’s the last unicorn in the world.
Molly: It would be the last unicorn that came to Molly Grue. It’s all right, I forgive you. 

Dialog im Film, als Molly Grue das erste Mal auf das letzte Einhorn trifft

Wenn man nun als Kind diese Stelle im Film sieht, dann bedeuten einem Mollys Worte nicht viel. Als Erwachsener aber, der schon viel gesehen hat im Leben, kommt man umso mehr auf deren Grund. Als Kind glaubt man noch an vieles, man sieht mit dem Herzen und hat Hoffnung an das Leben – erkennt nicht die Härte des Vorausliegenden. Wenn aber die Zeit vergeht und ein Tief nach dem anderen einschlägt, man zu kämpfen hat, dann verfliegt die so reine Sicht aufs Leben rasch und man verliert den Glauben. (an Einhörner?)
Molly trauert um das Leben, das sie hätte haben können. Vielleicht nicht unbedingt realistisch, was sie sich erträumt hatte, aber wohl besser, als das, was ihr tatsächlich widerfahren ist, zumindest bis zu dem Zeitpunkt des Treffens mit dem Einhorn. Sie fühlt sich „verbraucht“ – von Männern, von den Umständen, vom Leben? Ihre Unschuld ist fort und sie kann es nicht rückgängig machen. Also bündeln sich all ihr Schmerz und ihre Wut, als sie das Einhorn anschreit.

Aber Molly Grue ist auch voller Fürsorge und Gutherzigkeit. Sie treibt die Gefährten auf ihrer Quest an und stellt die eigenen Probleme hinten an, so viele sie auch hat. Sie ist Motivatorin und Mutmacherin, obwohl sie selbst nicht ohne Leiden ist. Molly beweist wahre Größe und Stärke: Sie ist die eigentliche Heldin der Story für mich.

Link zum Trailer

Das letzte Einhorn und Molly Grue

Die Bilder im Beitrag gehören Lions Gate Entertainment.

„Verdammt starke Liebe“ von Lutz van Dijk

»Mit wärmsten Empfehlungen« ist eine Rubrik in den Katalogen der Buchhandlung Löwenherz, in denen ich mehrmals Bücher rezensiert habe – nun auch hier verfügbar. Folgende Rezension ist 2015 erstmals erschienen, vorgestern jährte sich die eingangs erwähnte Befreiung schon zum 75. Mal.

Nicht zuletzt der 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung am 27. Januar hat mein grundsätzlich ohnehin vorhandenes großes Interesse an der NS-Zeit stark angesprochen und mich dazu bewegt, mir sowohl einige Filme über diese Zeit anzusehen als auch mich tiefer in die Materie einzulesen. Ein Buch, das mir dabei besonders ins Auge gesprungen ist, ist »Verdammt starke Liebe« von Lutz van Dijk, mittlerweile ein Klassiker, in dem es um eine wahre Geschichte geht. Nach Filmen wie »Jakob der Lügner« und »Der Pianist« erschien mir der Titel besonders passend.

Stefan K., der Protagonist, ist ein zu Anfang des Buches 16-jähriger Pole, der zusammen mit seinen Eltern, seinem etwas älteren Bruder Mikolaj, zu dem er ein sehr enges Verhältnis pflegt, und seinen weiteren drei Geschwistern, über die man im Buch kaum etwas erfährt, in eher ärmlichen Verhältnissen in Torun lebt. Die Handlung beginnt im Jahr 1939, Deutschland hat gerade Polen überfallen und Stefan, der eigentlich voller Freude das Musikgymnasium besuchen will, muss sich eine Lehrstelle suchen, die er auch ziemlich schnell in einer Bäckerei findet. Der Vater muss als Soldat an der Front herhalten, die Mutter derweil die Rolle der starken Hausfrau erfüllen. Mikolaj ist rebellischer als Stefan und möchte die wachsende Unterdrückung durch die nazi-deutsche Besetzung nicht so einfach hinnehmen; er freundet sich später mit Widerständlern an. Er streitet diesbezüglich auch des Öfteren mit Stefan, weil dieser als begeisterter Sänger in einem Theater auftritt, welches, so meint Mikolaj, ja nur von Deutschen besucht werden würde. Als Stefan dann eines Tages einen österreichischen Wehrmachtssoldaten kennenlernt und sich plötzlich ganz neue Gefühle in ihm regen, die er nur von Erzählungen hinter vorgehaltener Hand kennt, sieht er sich in einer Zwickmühle. Einerseits beginnt er relativ schnell zu begreifen, was er da empfindet, nämlich, dass er wohl homosexuell ist und damit eigentlich auch gar kein Problem hat; andererseits fürchtet er aber den Spott und die Übergriffe der anderen – noch dazu wenn er seinem Bruder die Liebe zu einem Nazi offenbaren müsste. Trotzdem fangen Stefan und Willi G., der etwa Mitte zwanzig zu sein scheint und die Gefühle für Stefan erwidert, heimlich eine Beziehung an und treffen sich beinahe täglich abends in einem scheinbar sicheren Versteck, einer alten Scheune. Nachdem Willi anfängt, Stefan Geschenke zu machen – bei denen es sich hauptsächlich um Gebrauchsgegenstände wie neue Stiefel oder einen Gasbrenner handelt – und dessen Bruder es sehr stört, dass Stefan »von seinen deutschen Freunden« überhaupt etwas geschenkt bekommt, wird die Beziehung zwischen den beiden Geschwistern zunehmend angespannt. Nach mehreren Monaten des gemeinsamen Glücks wird Willi plötzlich an die Front versetzt und Stefan fühlt sich wieder alleine. In seiner Einsamkeit schreibt er Willi über den Armee-Postverteiler einen Brief, in dem er ihm seine Treue beteuert – eine genaue Adresse hat er nicht. Diese Zeilen sind es, die ihm später zum Verhängnis werden: Eines Tages wird Stefan zum Verhör ins Gestapo-Hauptquartier in Warschau vorgeladen; schnell wird ihm sein Fehler bewusst, im Angesicht der strengen Kontrollen gerade des Militärs einen solch heikel formulierten Brief zu versenden. Der 17-jährige Stefan erlebt Gewalt und Folter, Hunger und Durst und wird schließlich nach kurzem Gerichtsprozess nach § 175 wegen homosexueller Handlungen mit Männern verurteilt und in ein Gefängnis verfrachtet. Bis zum Kriegsende und seiner riskanten Flucht kommt er in verschiedene Konzentrationslager des besetzten Polens. Von seiner ersten großen Liebe hört Stefan nie wieder etwas, die Ungewissheit, was mit Willi geschah, verfolgt ihn sein ganzes Leben.

Im realen Leben hieß »Stefan K.« Stefan T. Kosinski und lebte bis zu seinem Lebensende im stalinistischen und streng katholischen Polen, seine Homosexualität versteckte er. Über Lutz van Dijk erhielt er erstmals ein Sprachrohr, er hoffte, jungen Menschen Mut machen zu können und vom Staat endlich Entschädigung für seine erlittenen seelischen wie körperlichen Verletzungen zu bekommen. Bis zu seinem Tod 2003 litt Stefan an Folgen seiner Haft, er starb mit 78 Jahren nach einigen Monaten schwerer Krankheit in Warschau. »Willi G.« alias Wilhelm Götz kam vermutlich schon 1945 an der Front um.
»Verdammt starke Liebe« ist von meinen bisherigen Empfehlungen sprachlich sicherlich das am einfachsten zu bewältigende Werk, mit 167 Seiten liest es sich recht flott und die Handlung reißt einen mit. Gleichzeitig ist der Inhalt aber auch sehr berührend, nachdem ich fertig war, war meine Betroffenheit groß und ich recherchierte erst einmal mehr über Stefan und sein Leben, bevor ich mich an diesen Katalogtext setzte.
Wie eingangs schon erwähnt habe ich großes Interesse am Thema des Nationalsozialismus, insbesondere am Holocaust und der Verfolgung Homosexueller. Würde ich Geschichte studieren, wäre das gemeinsam mit der Antike und dem Mittelalter mein Spezialgebiet. Dieses Jahr werde ich auch versuchen, zusammen mit der Jugendgruppe der HOSI Wien auf Exkursion nach Mauthausen zu fahren. Im März erscheint neben der Neuauflage von »Verdammt starke Liebe« der über viele Jahre geführte Briefwechsel zwischen Autor Lutz van Dijk und Stefan T. Kosinski im Querverlag unter dem Titel »Endlich den Mut …« – ich durfte schon in die Druckfahnen schauen und kann diese Neuerscheinung ebenso wie »Verdammt starke Liebe« empfehlen.

Link zum Buch inkl. Bestellmöglichkeit bei Löwenherz

„Der letzte Krupp – Arndt von Bohlen und Halbach“ von Hanns-Bruno Kammertöns

»Mit wärmsten Empfehlungen« ist eine Rubrik in den Katalogen der Buchhandlung Löwenherz, in denen ich mehrmals Bücher rezensiert habe – nun auch hier verfügbar:

»Hart wie Kruppstahl« – dieser Teil der schrecklichen Hitler-Fantasie ist so ziemlich das Einzige, was ich bis vor kurzem mit dem Namen »Krupp« verbunden habe. Als ich jedoch die Biografie über das schwule schwarze Schaf einer so streng konservativ gefärbten Familie entdeckte, tat sich Interesse auf.

»Der letzte Krupp – Arndt von Bohlen und Halbach« von Hanns-Bruno Kammertöns ist in zwei Teile aufgegliedert und bietet einen breiten Überblick über eine deutsche Großindustriellenfamilie, einer über 150 Jahre währenden Dynastie, die das, was in Amerika erst später mit dem uns so geläufigen Ausdruck »American Dream« bezeichnet wurde, bereits im Europa der industriellen Revolution verwirklichte. Das Besondere dieser Biografie ist jedenfalls der Zugang des Autors, er ist an in die Tiefe gehenden Schilderungen der Persönlichkeiten interessiert; es handelt sich hier eindeutig nicht um eine knappe, streng chronologisch aufgebaute Abhandlung der Familiengeschichte.
Im ersten Teil wird die Entwicklung von den Betreibern einer kleinen Gussstahlhütte bis hin zu fast selbstverständlichen Beziehungen der Krupps mit Regierungen und Hochadel geschildert. Dabei beschäftigt sich der Autor immer eingehend mit den einzelnen Personen und deren Privatleben, niemals ist die Darstellung langatmig herunter gerattert. Auf den eigentlichen Protagonisten Arndt wird erst im zweiten Teil eingegangen, sein Leben wird ausführlicher als jene seiner Vorgänger erzählt: Der Vater versuchte den Sohn zu Selbstständigkeit und Stärke zu erziehen, immer wenn Arndt sich in einem Internat als vermeintlich schwacher Außenseiter erwies, steckte ihn sein Vater Alfried in ein anderes. Dadurch verbrachte Arndt eine ziemlich triste Kindheit – was ihn von seinen Vorfahren aber nicht wirklich unterschied: Die erstgeborenen Familienmitglieder (nicht nur die Söhne, auch Arndts Großmutter Bertha ist hier einzureihen) waren stets von Geburt streng im Blick auf das künftige Erbe erzogen worden. Dass Arndt die Last der Firmenführung erspart bleiben sollte, wusste während seiner vorbereitenden Erziehung noch niemand.
Seine Homosexualität kommt erst gegen Ende des Buches zusammen mit seinem maßlosen Lebensstil und seinem Hang zur Verschwendung dezidiert zur Sprache – schon Arndts Großvater Friedrich war schwul, doch erst dem letzten Krupp sollte es gelingen, seine Sexualität nahezu offen auszuleben. Einen großen Teil der biografischen Darstellung nimmt auch die Beziehung zu seiner Ehefrau Hetty ein, der er nicht aus Leidenschaft, aber aufgrund großer Sympathie ein Leben ohne finanzielle Sorgen schenken wollte.
Arndt verzichtete schließlich auf Betreiben seines Vaters (dessen Gründe nicht ganz eindeutig gewesen zu sein scheinen) darauf, als Erbe die Firma weiter zu führen und zu übernehmen, im Gegenzug bekam er für diesen Erbverzicht eine stattliche Rente, weshalb er oft als jüngster Frührentner Deutschlands bezeichnet wurde.

Im Gegensatz zu anderen meiner Empfehlungen ist die Sprache hier sehr verständlich gehalten, es kommen nur selten Fremdwörter vor und mit insgesamt 247 Seiten ist die gleichwohl ausführliche Darstellung nicht übermäßig lang; die wichtigen Passagen werden außerdem immer wieder mal in Erinnerung gerufen. Zur besseren Veranschaulichung sind einige Bilder beigegeben, was ich beim Lesen eine sehr eindrucksvolle Ergänzung fand.
Ich bin sicherlich jemand, der gerne zurückblickt und sowohl aus der eigenen Vergangenheit, als auch aus derer von anderen, lernt. Aber nicht nur deshalb gefällt mir diese Biografie so gut. Ich kann mich auch mit dem Inhalt identifizieren, denn zumindest die konservative Erziehung habe ich auch teilweise erfahren; meine Eltern waren genauso wie jene im Buch immer darauf bedacht, einen willensstarken und durchsetzungsfähigen Mann heranzuziehen – oft leider zu sehr auf ihr Ziel fokussiert als auf den Menschen mit Persönlichkeit, eigenem Denken und eigenen Vorstellungen.

Link zum Buch inkl. Bestellmöglichkeit bei Löwenherz

„Nichts: Was im Leben wichtig ist“ von Janne Teller

Der kontroverse Roman von Janne Teller, der in Dänemark große Diskussionen auslöste und sogar an etlichen Schulen verboten wurde, ist ein Meisterstück.

Das Hauptthema, „Was im Leben wichtig ist“, also die Suche nach der Bedeutung im Leben, wird aus interessanter Perspektive betrachtet, Erzählerin ist eine 13-Jährige, die zusammen mit ihren MitschülerInnen den Sinn in so ziemlich alles verloren zu haben glaubt. An einem zunächst recht harmlos erscheinenden Spiel wollen sie einem ehemaligen Klassenkameraden, der den Auslöser ihrer Krise darstellt, Beweise für die sehr wohl existierende Bedeutung im Leben liefern – nicht zuletzt auch um sich selbst aufzumuntern. Niemand ahnt, was sich dabei später in enormer Geschwindigkeit zu entwickeln beginnt – und wozu Jugendliche im guten Glauben fähig sein können. Denn realistisch wirken die beschrieben Szenen doch allemal, gerade in der heutigen Zeit.

Ein lesenswertes Interview mit der Autorin.
Das Buch ist erhältlich bei Löwenherz.

„Das Ende von Eddy“ von Édouard Louis

»Mit wärmsten Empfehlungen« ist eine Rubrik in den Katalogen der Buchhandlung Löwenherz, in denen ich mehrmals Bücher rezensiert habe – nun auch hier verfügbar:

Der Autor dieses autobiografischen Coming-of-age-Romans hat viel durchgemacht, sehr viel mehr als man beim Anblick seines Portraits, dem Bild eines attraktiven, blonden, jungen Mannes mit unschuldigen Augen, glauben möchte. Ganz ohne Selbstmitleid erzählt Édouard Louis von einer Kindheit, geprägt von psychischem Missbrauch und Gewalt.

Zu seinem Vater, der als Kind selbst unter einem durch übermäßigen Alkoholkonsum gewalttätig gewordenen Vater leiden musste, kann Eddy Bellegueule, so hieß Édouard Louis vor seiner Abrechnung, keine emotionale Beziehung aufbauen, schon früh wird er zurückgewiesen und als zu feminin abgestempelt. Feminine Züge erkennt er allerdings auch selbst an sich: seine Gestik, sein Gang und nicht zuletzt seine für einen Jungen überdurchschnittlich hohe Stimme bringen ihn öfters in Verlegenheit. Richtig schafft er es nie, sich anzupassen und dazuzugehören, zuhause wird er eher runtergemacht und verspottet.

Gleich zu Beginn des Buches erlebt er eine prekäre Lage: der Protagonist – denn obwohl der Roman in Ich-Perspektive geschrieben ist, erscheint der Eddy der Vergangenheit immer in einer deutlichen Distanz – macht in seiner neuen Schule Bekanntschaft mit zwei tonangebenden Mitschülern. Fortan wird er täglich in der Pause von den beiden bespuckt, getreten und beschimpft, schon am Morgen vor dem Schulweg ist er deshalb nervös, und seine Mutter meint gar, Eddy sei hyperaktiv; sie sieht nur sich und meint diesen Stress nicht aushalten zu können. Nicht lange dauert es also, bis er zum Arzt geschickt wird und Beruhigungstropfen verordnet bekommt.
Generell weiß sich die Mutter oft nicht anders zu helfen als Ausflüchte zu suchen und über andere herzuziehen. Eddy wird eine Weltsicht beigebracht, in der die Schwarzen schuld an Arbeitslosigkeit im allgemeinen und an der Armut der eigenen Familie im besonderen sind und in der »die Bürgerlichen« beneidenswerte Schnösel darstellen, über die man trotzdem – oder gerade deshalb – gerne lästert. Er lernt beim Anblick von Arabern auf der Straße zusammenzuzucken und sich selbst über seine eigene, ihm eigentlich verhasste, einfache Sprache zu wundern.
Damit zeigt der Autor mit dem beschriebenen Umfeld Eddys eine Welt, die wahrscheinlich viele kennen, aber es dennoch nicht schaffen, sich davon zu lösen. Dass Intoleranz im ländlichen Raum allgegenwärtig und selbstverständlich ist, war mir schon bewusst; die Schilderung der Situation in der französischen Provinz fand ich dann aber dennoch schockierend. Wie viele homosexuelle, ungeoutete, womöglich verheiratete Männer (und Frauen) mag es da draußen noch geben – Menschen, die sich an das Leben, in das sie durch Erziehung und Umfeld hineingewachsen sind, anpassen mussten? Und dabei geht es nicht einmal nur um Homosexualität, allgemein ein bisschen anders zu sein als die anderen und nicht vollends in die Norm zu passen reicht schon aus, um Opfer von Diskriminierung zu werden.
Am Vergleich mit Xavier Dolan – meinem schwulen Lieblingsregisseur – als junger Rebell, der sich mittels künstlerischen Ausdrucks an seiner Vergangenheit rächt bzw. mit ihr abschließt, komme ich nicht vorbei. Genauso wie Édouard Louis kommt auch Dolan aus dem französischsprachigen Raum (wenngleich aus Quebec in Kanada) und hat schon die Thematik schwieriger Eltern-Sohn-Beziehungen aufgegriffen.

»Das Ende von Eddy« ist sprachlich einfach zu bewältigen, selbst wenn einige besondere Stilmittel eingesetzt werden. So verwendet der Autor statt direkter Rede beispielsweise durchgehend Kursivschreibung. Die Sätze wirken oftmals abgehackt und unvollendet. Beweggrund wird keiner genannt, aber ich gehe davon aus, dass Édouard Louis sich damit bewusst von einer chronologischen, genauen Erzählweise und der verwendeten Sprache der Protagonisten, insbesondere seiner Eltern, distanzieren will. Überhaupt wird die gesamte Handlung nicht wie gewohnt einer bestimmten zeitlichen Reihenfolge nach erzählt, sondern vielmehr aus verschiedenen Aspekten betrachtet. Die einzelnen Kapitel tragen Titel wie »Mein Vater«, »Das Gehabe« und »Auflehnen des Körpers«, was eher an eine wissenschaftliche Abhandlung als an einen Roman erinnert.

Nach dieser Empfehlung werde ich mich gleich an meinen nächsten Text setzen: ein E-Mail an Édouard Louis. Denn wenn ich daran denke, dass der Inhalt seines Buches ein autobiografischer ist, dann muss ich unwillkürlich an meine eigene Vergangenheit denken. Ganz klar ging es bei mir nicht so stark um »Andersartigkeit« wie bei ihm, so ganz dazu gehört habe ich in meiner Kindheit aber doch nirgends, immer war ich ein wenig Außenseiter. Und v.a. die schwierigen Familienverhältnisse kann ich genauso vorweisen, habe ich doch mehrere Umzüge, (auch böse) Stiefmütter, jahrelanges Schweigen mit dem Vater und komplizierte Familienverhältnisse miterlebt – nicht zuletzt ebenso den Start in ein neues Leben.

Den Namen zu ändern, ein Zeichen zu setzen – mit der Vergangenheit abzuschließen: Mit »Das Ende von Eddy« ist dem Autor das wohl endgültig gelungen, die Flucht nach vorne war erfolgreich. Eddy Bellegueule gibt es nicht mehr – heute heißt er Édouard Louis, studiert Sozialwissenschaften in Paris und lebt ein glücklicheres Leben als je zuvor.

Link zum Buch inkl. Bestellmöglichkeit bei Löwenherz

„Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde

»Mit wärmsten Empfehlungen« ist eine Rubrik in den Katalogen der Buchhandlung Löwenherz, in denen ich mehrmals Bücher rezensiert habe – nun auch hier verfügbar:

Der junge Dorian Gray verkörpert für den in der Londoner High Society verkehrenden Maler Basil Hallward die Muse, die ihm zu seiner vollen künstlerischen Entfaltung verhilft und als perfektes Vorzeigeobjekt für jugendliche Unberührtheit, Schönheit und Aufrichtigkeit dient. Basils sündenreicher Freund Lord Henry sieht in Dorian dagegen die wundervolle Chance, sich als Mentor zu verwirklichen und ihn seiner Vorstellung entsprechend zurechtzuformen. Während der geblendete Basil ihn mit Komplimenten überschüttet und seiner neu gewonnenen Leidenschaft in noch nie da gewesener Finesse seiner Bilder Ausdruck zu verleihen mag, bringt Lord Henry Dorian mit seinen paradoxen Philosophien und extremen Meinungen in Aufruhr und beginnt so, zunehmend den Geist des Jünglings für sich zu beanspruchen.

Als Basil auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Daseins ein lebensechtes Gemälde von Dorian anfertigt und dieser vor dem vollendeten Kunstwerk steht, ahnt niemand den Schrecken der Zukunft. Dorian erschaudert bei dem Anblick und spricht voller Entzücken einen folgenschweren Wunsch aus: Möge er doch immer so jung und schön bleiben wie auf diesem Porträt, solle stattdessen das Bild altern und die Lasten des Lebens tragen.
Sein Gebet wird auf mysteriöse Weise erhört und Dorian, vergiftet durch den schlechten Einfluss von Lord Henry, wird immer mehr zum Opfer seiner inneren Abgründe. Nach außen hin ganz makellos, weiß nur er allein Bescheid vom gräßlichen Spiegel seiner Seele, dem versteckten Bildnis auf dem Dachboden.

Verschleiert schwingt in Oscar Wildes einzigem Roman das Thema der Homosexualität mit. Viel dreht sich um männliche Schönheit und Jugend, um die zweifelhafte Moral der Gesellschaft, um verborgene Sünden und um Schuldgefühle. Die Sprache ist nicht gerade die einfachste, hat man sich aber erst einmal eingelesen, wird man von der Handlung vereinnahmt.
Mein Bezug ist vielleicht nicht allzu schwer zu erkennen: Von meiner Großmutter weiß ich, dass meine Mutter sich für eben diesen Namen entschied, nachdem sie »Das Bildnis des Dorian Gray« gelesen hatte. Weshalb bleibt allerdings offen, meinen Namen mag ich jedenfalls.
Mir sagen die zum Nachdenken anregenden Passagen, in denen sich Dorian mit Lord Henry über die philosophischen Hintergründe des Lebens, die Unbegründbarkeit von gesellschaftlichen Moralvorstellungen und die möglichen zügellosen Freuden des Lebens unterhält, sehr zu – ich finde die Ansichten der beiden interessant und die Form der Dialoge gibt dem Buch einen ganz besonderen intellektuellen Anstrich, der mir gefällt. Anderen mögen sie vielleicht etwas langatmig erscheinen, was aber bei der Länge dieser Unterhaltungen auch durchaus verständlich ist – als ich den Roman das erste Mal in der Hand hatte habe ich diese Stellen auch immer wieder mal übersprungen.
Ich mag auch die Atmosphäre des Romans, das Zeitalter, in dem die Handlung spielt und das geheimnisvolle Doppelleben des Protagonisten. Auf der einen Seite gibt Dorian den feinen Gentleman, der sich von der überdurchschnittlichen Zuneigung des weiblichen Geschlechts kaum befreien kann, andererseits lebt er seine dunklen Leidenschaften voll aus, ja, er wird sogar zum Mörder!

Link zum Buch inkl. Bestellmöglichkeit bei Löwenherz